Den sechzigsten Geburtstag hat er nicht mehr erlebt. Geboren am 15. Mai 1922 in Dresden, starb Peter Brückner, Professor der Sozialpsychologie an der Universität Hannover, am 10. April 1982 in Nizza, wo er sich Erholung erhoffte von der Krankheit und – vielleicht – für die Wiederaufnahme seiner Lehrtätigkeit. Kurz vor Brückners Tode nämlich waren, zu Ende des Jahres 1981, alle disziplinarischen Maßnahmen und "Suspensionen" aufgehoben worden, mit denen man fast ein Jahrzehnt lang, seit 1972, einen scheinbar Unwürdigen vom akademischen Lehramt fernzuhalten gedachte.

"Man"? Die Universität Hannover war es offenbar nicht. Sie trat ein für den unbequemen Professor: wodurch sie bewies, daß sie nicht mehr zu handeln gedachte wie fast fünfzig Jahre früher ihre akademischen Vorgänger von der Technischen Hochschule Hannover im Falle des Professors für Philosophie und Psychologie Theodor Lessing. Als Rektor und Senat eigenmächtig, nach organisiertem Volkszorn einer "Akademiker-Versammlung", die Ausübung des Lehramtes untersagten, ohne die Entscheidung des preußischen Kultusministeriums in Berlin abzuwarten.

Was hatte Theodor Lessing begangen, um solchen Zorn im Lande und in seiner Vaterstadt Hannover zu erregen? Er hatte im Prozeß um den Massenmörder Hans Haarmann vergeblich versucht, als Psychologe und Gutachter den Fall eines Menschen untersuchen zu lassen, und einer Umwelt, die dem sogenannten Monstrum seine Taten ersichtlich leichtmachte. Lessing wurde vom Gericht barsch abgewiesen. Übrigens: in ähnlichen Prozessen unserer jüngeren Vergangenheit kam die Verteidigung durch mit der Forderung nach Anhörung eines Sexualpsychologen. Die Ablehnung eines solchen Antrags wurde seitdem zum Revisionsgrund. Im Falle Haarmann jedoch warteten alle, im Gerichtssaal wie draußen, auf das Fallbeil. Da störte er nur, der Professor Lessing, übrigens ein Jude.

Im preußischen Landtag befragten die Deutschnationalen den liberalen Kultusminister, ob er immer noch bereit sei, "einen Hochschullehrer weiter in Hannover zu belassen, der seinerzeit verwarnt werden mußte, weil er die notwendige und übliche Rücksicht auf seine Stellung als Hochschullehrer und akademischer Forscher vermissen ließ ..." Und so weiter.

Die notwendige und übliche Rücksicht hatte Lessing, der im Falle Haarmann gerade als Forscher amtieren wollte, vor allem dadurch vermissen lassen, daß er politische Hellsicht bewies. Als der in Hannover lebende und pensionierte Feldmarschall von Hindenburg am 26. April 1925 zum Reichspräsidenten gewählt worden war, konnte abgerechnet werden mit einem Aufsatz Lessings, der gegen den Kandidaten aus Hannover gerichtet war und folgende Sätze enthielt: "Ein Philosoph würde mit Hindenburg nun eben nicht den Thron besteigen. Nur ein repräsentatives Symbol, ein Fragezeichen, ein Zero. Man kann sagen: Besser ein Zero als ein Nero. Leider zeigt die Geschichte, daß hinter einem Zero immer ein künftiger Nero verborgen steht." Man hat es erlebt.

Theodor Lessing und Peter Brückner. Ich habe den späteren Volkszorn um meinen Hannoverschen Kollegen Brückner stets zugleich als Reminiszenz des Falles Lessing empfunden. Lessing mußte fliehen, sein Haus wurde geplündert nach der "Machtergreifung". Er selbst entkam in die Tschechoslowakei. Dort wurde er am 30. April 1933, während man in Nürnberg den Parteitag des Sieges feierte, aus dem Hinterhalt erschossen.

Auch Peter Brückner ließ die notwendige und übliche Rücksicht eines Hochschullehrers und akademischen Forschers vermissen. Das führte zu Suspendierungen vom Amt, die aufgehoben werden mußten; zu einem Strafverfahren, das zum Freispruch führte. So etwas verkürzt die Lebenszeit. Ein Professor als "Terrorist". Riesige Zeitungslettern. Brückner war gut bekannt gewesen, vor ihrem Weg in den Terrorismus, mit Ulrike Meinhof. Als die Flüchtige, die alle Beteiligung an Taten gegen das Leben anderer Menschen noch vor sich hatte, an die Tür klopfte, gab er ihr und ihrem Begleiter, der später aussagte, ein kurzes Asyl. Später übernahm Brückner, mit anderen Hochschullehrern, die Verantwortung für den Druck eines fragwürdigen Textes zum Mordfall Buback. Er lehnte die inhaltliche Aussage dieses Textes ab, wie er betonte, wollte jedoch verhindern, daß man abermals Zensur übe und Meinungen unterdrücke. Dafür also das Hausverbot und die Anklagebank und der Tod mit sechzig Jahren.