Von Klaus Garber

Die Geschichte der deutschen "Nationalliteratur" in Text und Darstellung ist im 18. Jahrhundert gedacht und im 19. ins Werk gesetzt worden. In keinem anderen Land Europas war sie mit größeren Hoffnungen verknüpft, mit intensiveren Erwartungen besetzt als in Deutschland. War ihr doch aufgegeben, zur Anschau und Geltung zu bringen, was es nur in der Literatur, nicht aber in der Wirklichkeit gab: Die erhabene Idee der einen Nation, nach sinnvollen Gesetzen in der einen deutschen Sprache sich entfaltend, bis sie im Scheitelpunkt der deutschen Klassik zum Bildungsgut auf dem Wege zur einen politischen Gemeinschaft wurde.

Herder, einer der Großen des Zeitalters der Aufklärung und doch fast ganz vergessen, hatte als Sammler und Historiker Anstoß aus vorrevolutionärem Geist gegeben. In der großen bürgerlichen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, bei Gervinus, bei Hettner, bei Kurz wirkte er fort, fast immer verbunden mit liberalem politischen Engagement. Die großen Textreihen, von denen wir noch heute zehren, sind ein Werk des 19. Jahrhunderts. An der Spitze das Unternehmen mit dem programmatischen Titel, der alle Versuche seit der Romantik inspiriert: Kürschners "Deutsche National-Litteratur". Ein Projekt ähnlichen Ausmaßes im 20. Jahrhundert, die "Deutsche Literatur in Entwicklungsreihen", blieb unvollendet. Das gleiche gilt – wenigstens bisher – für die einzige großangelegte Literaturgeschichte der Nachkriegszeit von de Boor und Newald.

Um so erfreulicher ist es, nach fünfundzwanzig Jahren den Abschluß einer Textreihe anzeigen zu können, die als einzige nach Anlage und Format in die Tradition der großen Vorgänger gestellt werden darf, die von Walther Killy in elf stattlichen Bänden herausgegebene Reihe "Die deutsche Literatur, Texte und Zeugnisse".

Bisher fehlte der Achsenband zum 18. Jahrhundert. Richard Alewyn, der Altmeister der westdeutschen Germanistik, sollte den Band herausgeben. Walther Killy und Christoph Pereis gebührt das Verdienst, das Werk im Geiste Alewyns weitergeführt und ihm zugleich eine unverwechselbar eigene Gestalt verliehen zu haben.

Das Zauberwort in der Literaturwissenschaft heißt immer noch "Gattung". Auch die meisten neueren Literaturgeschichten folgen ihrem Schema. Aber die älteren Gattungen lösen sich im 18. Jahrhundert endgültig auf. Seither werden sie nur noch – vielfach parodistisch – zitiert, nicht mehr produktiv imitiert. So war es gut, den Gattungsbegriff in diesem Band konsequent zu verabschieden. Das gab die Möglichkeit, die Literatur des 18; Jahrhunderts als das zu präsentieren, was sie nur ein einziges Mal in Deutschland gewesen ist: eine alle Bereiche des Lebens durchdringende und prägende, eine öffentliche Macht.

"Zeitalter" lautet der Titel, mit dem die erste der elf Textgruppen eröffnet wird. Kann sie anders als mit Kants Frage: "Was ist Aufklärung" eingeleitet werden? Aber diese erhält einen anderen Klang, wenn sie unmittelbar umgeben ist von der Warnung des großen lutherisch-orthodoxen Theologen Valentin Ernst Löscher "Wegen Mißbrauch der philosophischen Freiheit", wie mühsam mußte sich das Plädoyer für den unbestechlichen Gebrauch der Vernunft den Weg in diesem Jahrhundert bahnen. Wieviel Lust am Geheimnisvollen, am Okkulten, an der Nachtseite menschlichen Lebens bleibt lebendig. Es gehört zum Bestechenden des Bandes, daß er in allen Abteilungen wirklich in die Tiefenschichten literarischer Uberlieferung hinabgeleitet. Nicht an den großen, womöglich weltliterarischer Äußerungen bildet sich die Anschauung einer Epoche, sondern an ihren Niederungen. Die Herausgeber haben sich die Chance zunutze gemacht, daß in "ihrer" Epoche die alltägliche Lebenswelt erstmals umfassend schriftlich dokumentiert ist. Vor allem weichen die Grenzen zwischen fiktionaler und nichtfiktionaler Literatur. Die Literatur nähert sich dem Leben, das Leben literarisiert sich. Der Brief ist dafür vielleicht das schönste, keineswegs das einzige Zeugnis.