ARD, Mittwoch, 28. November, 20. 15 Uhr: "Schwarz Rot Gold – Blauer Dunst" von Dieter Meichsner

Die unvermeidliche Frage nach Todesursache und -zeitpunkt, die jeder Fernsehkommissar nach zehn Minuten des Films stellt, erübrigt sich. Denn es gibt gar keine Leiche und keinen Mörder. Amtmann Zaluskowski tut seinen Dienst ohne Waffe. Es sind keine Blutspuren, die ihm den Weg zum Täter weisen, sondern getürkte Geschäftsbilanzen, gefälschte Zollstempel und verdächtige Telephonate. Die Zusammenhänge sind verworren. Es geht um Wirtschaftskriminalität.

Wir alle könnten ein Drittel unserer Steuern sparen, erklärte uns die nette Fernsehansagerin vor zwei Jahren zur Einstimmung auf die erste Folge von Dieter Meichsners Serie "Schwarz Rot Gold". Schätzungsweise ein Drittel der Steuereinnahmen nämlich geht unserem Staat Jahr für Jahr verloren durch Steuerhinterziehungen, Konkursdelikte, Kartellabsprachen, Subventionsschwindel und Geldmanipuiationen. Über 25 Milliarden sollen Wirtschaftsstraftäter zwischen 1974 und 1980 ergaunert haben. Die Mehrheit von ihnen kann nie überführt werden. Zu verwirrend sind die wirtschaftspolitischen Zusammenhänge, die internationalen Abhängigkeiten durch Kreditverflechtungen und Absatzkämpfe.

Deshalb mag auch das Fernsehen diesen Bereich der Kriminalität ausgeklammert haben, bis Meichsner mit seiner Serie die Lücke schloß. Die drei Folgen der ersten Serie, in denen der Hamburger Zollfahnder in Sachen Mineralöl, EG-Butter und tiefgefrorenes Rindfleisch ermittelte, stießen auf unerwartet großes Zuschauerinteresse (Einschaltquoten wie beim "Tatort"), so daß Zaluskowski (mit großer Ausstrahlung dargestellt von Uwe Friedrichsen) seine Ermittlungen in drei neuen Folgen von "Schwarz Rot Gold" wieder aufnimmt. "Der Zuschauer hat den herkömmlichen Mord- und Totschlagkrimi satt", sagt Autor Dieter Meichsner, der als Chef des NDR-Fernsehspiels bislang auch für den "Tatort" verantwortlich war.

Auch die neuen Folgen schildern wieder authentische Fälle, zu denen sich Meichsner durch seine Recherchen bei der Hamburger Zollfahndung anregen ließ. So soll sich nach der letzten großen Tabaksteuererhöhung der Zigarettenschmuggel organisierter Banden, die in Schlauchbooten, Lotsenschiffen oder Bundeswehrhubschraubern die Zollschranken umgehen, verdoppelt haben. Zaluskowski und seine Kollegen sind einem dieser Schmugglerringe auf der Spur, die mit dem "Blauen Dunst" Millionen machen. In Containern, getarnt zwischen Gummiplatten, verschieben sie die heiße Ware zu Wasser und zu Land auf einem verwirrenden Transportweg, den die Hamburger Zollfahnder erst mit Hilfe der italienischen Kollegen von der "Guardia di Finanza" enträtseln können

In der Enge der Amtsstuben und Behördenkorridore zeigt die Kamera den begrenzten Spielraum, der Zaluskowski innerhalb der Legalität für seine Ermittlungen bleibt. Die Schmuggler indessen atmen den "Duft der großen weiten Welt". Sie pendeln im Düsenjet zwischen Hamburg und Mailand, um beim Frühstück mit Blick auf den See ihre Geschäfte zu besprechen. Eine geheimnisvolle Schöne rast im roten Sportcoupé eine italienische Küstenstraße entlang.

Trotz mancher Stereotypen benutzt der Film den Jet-set jedoch nicht nur, um dessen Lebensstil unbegründet ins Bild bringen zu können. Im Gegensatz zu den Fernsehkommissaren Derrick oder Köster und deren smarten Assistenten, die sich in der besseren Gesellschaft bewegen, als gehörten sie dazu, sitzt einer der Zollfahnder verloren im "Interconti" und nippt verlegen an seinem Tee, während die eleganten Gangster am Nachbartisch kultiviert dinieren. "Du glaubst doch nicht, daß wir denen an die Wäsche können", formuliert der kleine Beamte nicht ohne Zynismus seine Ohnmacht gegen die Täter mit dem weißen Kragen. "Der Richter braucht Reue, Blut und kann keine Zahlen lesen. Die wollen Hochglanzphotos mit Leichenteilen sehen."

Selbst wenn er Sozialkritik übt, ein deutscher Francesco Rosi ist Dieter Meichsner freilich auch wieder nicht. Letztlich will er unser Rechtsbewußtsein schärfen: "Wenn jeder nur auf die großen Halunken in dem Film starren würde, wenn er sich nicht zu fragen begänne, ob er nicht selbst schon mal die Grenzen des Erträglichen gestreift habe oder darüber hinausgeglitten sei, dann hätte ich das Klassenziel verfehlt." Krischan Koch