Unter dem Palaverbaum hat sich die Dorfjugend um einen alten Mann versammelt. "Großvater, erzähl", sagt ein Junge, und der Alte fragt: "Was soll ich euch erzählen?" – "Erzähl uns unsere Geschichte." Bedächtig erzählt der graubärtige Alte mit der seltsamen Kopfbedeckung die Geschichte des Dorfes "Fad Jal". Es ist die Geschichte des langen und zähen Kampfes der senegalesischen Bauern gegen Fremdeinflüsse. Eine Geschichte von Bedrohungen und Vertreibungen. Dem Erzählduktus des alten Mannes entspricht der Rhythmus der Bilder, in denen Regisseurin Safi Faye den Alltag ihres Heimatdorfes zeigt: die Arbeit auf dem Feld bei der Erdnußernte, das Mahlen der Hirse, Opferschlachtungen und Tanzrituale. "Nachrichten aus dem Dorf", so hieß ein anderer Film von Safi Faye, wäre ein passender Titel auch für diesen Film.

Die Filmrolle unterm Arm

Nach vorsichtigen Anfängen zu Beginn der siebziger Jahre hat sich vorwiegend in den frankophonen Staaten Westafrikas eine autonome Kinematographie entwickelt, die in dem alle zwei Jahre stattfindenden Filmfestival von Ouagadougou, der •Hauptstadt Obervoltas, ein eigenes Forum hat. Während es in den frühen Filmen vorwiegend um die widersprüchlichen Erfahrungen afrikanischer Exilanten zwischen den Kulturen ging, und Afrika aus der Perspektive des europäisierten Afrikaners gezeigt wurde (fast schon ein Topos war das landende Flugzeug, das den Exilanten in seine Heimat zurückbrachte), besinnt sich der gegenwärtige Film auf die eigene afrikanische Wirklichkeit, "in dem hier besonders augenfälligen Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne, Unterentwicklung und Industrialisierung", wie Gerhard Schoenberner, seit Jahren aufmerksamer Beobachter der afrikanischen Filmszene, schreibt.

Von den Einflüssen des französischen ethnographischen Films in den fünfziger Jahren, wie Jean Rouchs "Ich, ein Schwarzer" oder Alain Resnais und Chris Markers "Auch Statuen sterben" hat sich das schwarzafrikanische Kino endgültig emanzipiert. Dem Senegalesen Ousmane Sembène, in den siebziger Jahren der einzig herausragende Vertreter eines afrikanischen Kinos, ist längst eine selbstbewußte junge Generation von Filmemachern gefolgt.

Und dennoch bleibt die Situation paradox. Während afrikanische Filme auf internationalen Festivals große Anerkennung fanden, die eigentliche Zielgruppe, das Publikum in den Herkunftsländern erreichen sie kaum. Schwarzafrika mag innerhalb der Dritten Welt eine der reichsten Film-Regionen geworden sein, es ist aber gleichzeitig eine der ärmsten, rückständigsten kino-Regionen geblieben. Es fehlt die technische und ökonomische Infrastruktur: keine Ausbildungsstätten, keine Förderung, keine Schneidetische oder Kopierwerke, so daß die Filmemacher mit dem belichteten Material nach Europa reisen müssen, wo die Mehrzahl von ihnen an einer der Filmhochschulen in Paris, in Moskau oder in München studiert hat.

Vor allem aber fehlt es an Kinos für den afrikanischen Film. Zwei französische und ein amerikanischer Großverleiher blockieren die ohnehin karge Kinolandschaft mit billiger Filmware der Cine-Industrien der USA, Frankreichs, Ägyptens und Indiens. Daß in den zwölf frankophonen OCAM-Staaten die marktbeherrschenden major companies durch ein sogenanntes "interafrikanisches Konsortium für Filmimport und Verleih" abgelöst wurde, hat an dem Angebot bislang wenig geändert. Immer noch müssen die jungen Filmemacher, wie der Regisseur Samba Felix Ndaye berichtet, "mit den Rollen unter dem Arm losziehen und versuchen, diesen oder jenen Kinobesitzer zu überreden". Die Tatsache, daß selbst so renommierte Regisseure wie Sembène oder der Nigerianer Oumarou Ganda zum Teil bis zu acht Jahren warten mußten, um ein neues Projekt realisieren zu können, verdeutlicht die Rückwirkung der Kinosituation auf die Filmproduktion.

Während es in Ägypten, dem arabischen Hollywood, seit der Stummfilmzeit eine kontinuierliche Filmproduktion gibt, hat der schwarzafrikanische Spielfilm eine relativ junge Geschichte. Seit 1960, dem Jahr, in dem siebzehn afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit erklärten, wurden lediglich rund zweihundert Filme gedreht – so viel wie in Südamerika in einem Jahr. Ohne die Hilfe der französischen Kulturinstitute und der europäischen Fernsehanstalten wären nicht einmal diese Filme zustande gekommen. Angesichts dieser Abhängigkeit erscheint die künstlerische Eigenständigkeit des schwarzafrikanischen Films um so bemerkenswerter.