Von W. Martin Lüdke

Der Titel ist Programm. Spuren, die Zeitschrift, bezieht sich ausdrücklich auf eine Tradition, die Ernst Bloch begründet hatte. Eben: "Spuren", die 1930 erstmals erschienene Sammlung von Denkbildern, Parabeln und Merksätzen ("Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst."), die Verbindung von Karl Marx und Karl May, die Versuche, "auch fabelnd zu denken".

Nur: Das Programm ist das Problem. Das macht die Schwierigkeit dieser Zeitschrift aus – und ihren Reiz. Da finden sich brave Seminararbeiten neben brillanten Essays, treuherzige Berichte neben guten Reportagen. Spreu neben Weizen.

Nur: So einfach ist es doch nicht. Die "Spuren" haben keine Linie, dafür ein Konzept; sie bieten keine Perspektive an, dafür (zuweilen) Überraschungen. Der "Hacker", schreibt Gunnar Schmidt in einem Bericht über "subversive Computerspiele", sei der wahre und praktische Dialektiker unserer Gesellschaft. Hacker oder Crasher nennt man jene Freaks, die ihren ganzen Ehrgeiz daransetzen, Computer zu knacken, also die eingebauten Sperren der Programme zu überwinden und, sagen wir, zweihundert Güterwaggons eines großen amerikanischen Eisenbahnkonzerns auf eine Reise ins Unbekannte (wenn nicht: ins Nichts) zu schicken.

Genau das ist vor einiger Zeit wirklich passiert. Just diese beträchtliche Anzahl von Waggons, die gut und gerne für vier imposante Güterzüge reicht, war ebenso plötzlich wie spurlos verschwunden. Ein Rätsel, für die Konzernleitung und die eingeschaltete Kriminalpolizei. Die Ermittlungen ergaben – nichts, außer der Vermutung, daß möglicherweise "ein manipulierter Computer die Wagen auf die Reise geschickt hatte, ohne ihren Zielort anzugeben." Und so stehen denn vielleicht noch heute in Kentucky, Colorado oder Minnesota einige der – inzwischen längst vergammelten –, Waggons auf irgendwelchen – inzwischen längst stillgelegten – Strecken: als stumme Zeugen einer Künstlichen Verknüpfung von Symbol und Realität, als Resultat einer wahren und zugleich praktischen Dialektik unserer Gesellschaft.

Und irgendwo in Minnesota oder, so Gott will, auch in Kaufbeuren sitzt wieder so ein Hacker an seinem Terminal und versucht, Schweißperlen auf der Oberlippe, den Code zu knacken, der den Zugang zu den Informationsspeichern des Pentagons oder des BKA oder auch (nur) der Bayrischen Volksbank öffnet. Und da öffnen sich, wenn der Schein nicht trügt, wahrlich subversive Spielmöglichkeiten. Angesichts solcher (gut begründeten) Aussichten erscheint Gunnar Schmidt die Vorstellung einer "Gesellschaft der absoluten Transparenz und Verfügbarkeit", die alle Verkabelungskritiker ängstlich beschwören, als "eine eher phantasielose Utopie". Schmidt hält dagegen: "Bei einer endlosen Zirkulation der Zeichen und Operationen, bei unkontrollierten Eingaben und Auszügen muß sich die Verwirrung einnisten, muß das Bedeutsame neben dem Bedeutungslosen stehen. Es wird kaum auszumachen sein, ob der Benutzer die Realität oder bloß Zeichen benutzt, ob er spielt oder arbeitet, ob er über die Wahrheit verfügt oder der Täuschung unterliegt. Die Verfügbarkeit der Welt, die sich die Herrschaft von dieser Technologie erträumen mag, schlägt in ihr Gegenteil um."

Schöne Aussichten: Spuren, die sich in den Spuren finden, die auf die Schwierigkeit verweisen, noch heute den "Eindruck in der Oberfläche des Lebens" so zu fassen, "daß diese reißt, möglicherweise", wie Bloch schon seinerzeit, 1930, so weitwie vorsichtig, einschränkte. (Die verschwundenen Güterwagen sind nämlich ideologiekritisch nicht mehr einzufangen.)