Im amerikanisch-sowjetischen Verhältnis gibt es vorerst nur Beteuerungen guten Willens

Von Christoph Bertram

Schmilzt das Eis beim Einbruch des Winters? Zwischen Moskau und Washington hat zwar das Tauwetter noch nicht eingesetzt. Aber ein Jahr nach dem spektakulären Auszug der Sowjetunion aus den Genfer Verhandlungen scheint der Frost, der solange das sowjetisch-amerikanische Verhältnis bestimmte, seine beißende Schärfe verloren zu haben. Moskau und Washington geben sich wieder gesprächsbereit. Ein Gipfeltreffen, heißt es übereinstimmend, müsse noch warten. Aber jede Seite bemüht sich, die Erklärungen der anderen als positiv und ermutigend hinzustellen.

Dennoch ist kein Anlaß für große Hoffnungen. Denn zum einen sind beide Seiten über freundliche Worte bisher nicht hinausgekommen. Zum anderen haben sie, jeder für sich, die Barrieren gegen handfeste Entspannungsergebnisse in den letzten Jahren stetig erhöht. Und schließlich stehen beide nicht unter Druck, ihre Politik von Grund auf neu zu formulieren.

Gebessert haben sich gewiß die Umgangsformen. Wenn Weltmächte sich nicht mehr wie ruppige Teenager, sondern wie gestandene Erwachsene benehmen, kann das der internationalen Politik nur zuträglich sein. Die Regierung Reagan, die als erste den internationalen Sprach-Komment mit ihrer ideologischen Ächtung sowjetischer Politik verletzte, hat auch als erste zur Sprache der Zusammenarbeit zurückgefunden – nicht erst seit gestern, sondern schon seit Januar, als Reagan die Sowjetunion zu neuem Dialog aufforderte. Der Kreml, der als erster die Verhandlungen abbrach und dann doch, im amerikanischen Wahlkampf seinen Außenminister Gromyko zu einem Gespräch mit Reagan nach Washington schickte, hat jetzt nachgezogen. Die Supermächte verkehren wieder miteinander in den Formen, die erwachsenen Staaten angemessen sind.

Aber wer die Äußerungen beider Seiten danach abklopft, was sie an Fortschritten in der Sache bieten, wird noch nicht fündig. Washington verweist auf das "Dach-Konzept", das Präsident Reagan im September vor den Vereinten Nationen entwickelte: Er spricht sich für eine lockere Verknüpfung sämtlicher Rüstungskontrollthemen aus, zugleich für regelmäßige Ministertreffen, auf denen alle offenen Fragen diskutiert werden sollen. Diese Prozedur hat vieles für sich. Bisher jedoch scheint dem Präsidenten nicht mehr als eben Prozedurales eingefallen zu sein. Eine Änderung der Substanz amerikanischer Rüstungskontrollpolitik ist noch nicht in Sicht. Im Gegenteil, die vertrauten Positionen werden weiter als die besten und sinnvollsten hingestellt – wie erst jetzt wieder von Reagans Chefunterhändler Edward Rowny.

Auf sowjetischer Seite sieht es nicht anders aus. Die Vorschläge, die der sowjetische Staats- und Parteichef Tschernjenko am vergangenen Freitag in einem Interview der amerikanischen Fernsehgesellschaft NBC gemacht hat – die Militarisierung des Weltraums zu verhindern, die nukleare Rüstung einzufrieren und die Erprobung neuer Atomwaffen einzustellen –, sind zwar freundlicher verpackt. Doch dem Kreml ist längst bekannt, daß sie für Amerika nicht annehmbar sind. Kein Zweifel, Moskau und Washington wollen den Dialog. Zu der Frage freilich, wie der Karren der Rüstungskontrolle wieder aus dem Dreck gezogen werden kann, fällt beiden als Antwort nur ein, der andere müsse eben seinen Standpunkt ändern.