Von Esther Knorr-Anders

Lange hieß die auf dem Berg gelegene Haltestelle der Trambahnlinie 15 "Am Totentanz". Dann wurde sie in "Predigerkirche" umbenannt. Warum? Meine Frage erregt diskrete Heiterkeit. Einige Fahrgäste schmunzeln. Der Trambahnführer verbeißt sich ein Lachen. Ich steige aus. Die davonruckelnde Bahn gibt den Blick auf die strahlend helle Predigerkirche frei. Unübersehbar erhebt sich neben ihr das Basler Kantonsspital nebst Unfallstation. Dem Arrangement schließen sich die Universitätskliniken an. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Umbenennung Zartgefühl verrät. In Volkes Mund jedoch heißt der Geländekomplex "Totentanz".

Wer zu den erhalten gebliebenen, im Historischen Museum aufbewahrten Stücken des weltberühmten Mauergemäldes gleichen Namens unterwegs ist, sollte jedoch vor Ort beginnen; das verbürgt die Einstimmung zu dem bleichen Unternehmen.

Ich trete in den Park bei der Kirche. Er war einst der Gottesacker der Dominikaner. Hier befand sich bis in die Nacht des 5. August 1805 Basels grandioses Kulturdenkmal: die 58 Meter lange Friedhofsmauer, über deren Innenseite sich das Gemälde breitete. Geschaffen wurde der "Basler Totentanz" nach der Pestepidemie von 1439. Man weiß nicht genau, was die Bürger an jenem 5. August dazu trieb, die Mauer in einer Nacht- und Nebelaktion abzubrechen. Fremdeinfluß scheidet aus. Niemand hatte sie gezwungen, sich eines Kulturerbes zu entäußern, das der Stadt irrlichternde Faszination verlieh. Waren die Bürger plötzlichem Wahnsinn verfallen? Nein, sie erwiesen sich als erschreckend normal. Die Totenreigenmauer stand verkehrstechnischen Neuerungen im Wege. Sensiblere behaupteten, die lebensgroß gemalten 37 Tänzerpaare würden die Basler Kinderherzen verstören. Wie auch immer: Ein Ehrenmal hätten jene Männer und Frauen verdient, welche in besagter Nacht 23 Bruchstücke aus den Trümmern klaubten und sie verbargen. Vier gelten als verschollen; sie könnten eines Tages bei Sotheby’s in London auftauchen. Neunzehn gelangten in die Barfüßerkirche, Unterkunft des Historischen Museums. Zu ihnen will ich.

Der Predigerkirche schräg gegenüber steht ein barockes Haus. In ihm befände sich das Kulturlokal "Totentanz", war mir kundgetan worden. Basels Jugend träfe sich dort zu Konzerten und Ausstellungen. Eigentümliche Schmink- und Tanzkurse böte das Veranstaltungsprogramm. Nicht selten ähnelten die Geschminkten den Figuren des ewigen Reigens. "Bockstecherhof" hieße das Haus. "Bockstecher" sei die längst vergessene Gewerbebezeichnung für den Kastrator. Ich gehe hinüber. Kein Laut dringt aus dem Schmuckstück. Ein Schatten bewegt sich hinter dem Fenster. Es wird geöffnet. Entgeistert hört mir die junge Dame zu. Die Augen weiten sich. "Kulturzentrum? Totentanz? Hier? Wir sind eine Finanzierungsgesellschaft. Eine seriöse Sache." Ich muß den Eindruck von Zerknirschtheit erwecken. "Warten Sie! Ich frage nach." Sie telephoniert. Sagt dann: "Das gibt es tatsächlich. Im Handwerkerhaus. Eingang Predigergäßlein ..." Genannte Gasse liegt wie ausgestorben. Eine Schrift flammt auf grauer Wand: "Tanz aus der Reihe. Aber tanz dich nicht zu Tode." Ich bin zu früh gekommen. Abends öffnet das Jugendparadies die Pforte.

Ich schlendere zum Rhein hinunter. Hellgrün gurgelt er um die Pfeiler seiner Brücken. Es zieht mich zur "Mittleren Brücke". Bischof Heinrich von Thun hatte 1225 eine beängstigende Konstruktion über den Strom schlagen lassen. Das Unikum entpuppte sich als glänzende Kapitalanlage. Der Verkehr der Alpennordseite donnerte darüber. Allen Unkenrufen zum Trotz hielt das Bauwerk bis 1903. Dann wurde es durch ein Steinmodell ersetzt. Erhalten blieb das "Käppelijoch", eine Kapelle in der Brückenmitte. Überlieferung versichert, wer bei ihr verweile, werde jedweden Zahnschmerz los. Zum anderen bezeichnet sie die Stelle, wo einstmals die zum Ertränken Verurteilten ins Wasser gestoßen wurden.

Ich verlasse die Brücke. Durch schmale Gassen wandere ich hügelan. Kletterpflanzen winden sich über Fachwerkmauern. Das Gerücht, die Basler hätten, außer "Am Totentanz", auch in der Altstadt gewütet, entbehrt der Wahrheit. Vom "Rheinsprung", einem Pfad, den schon die Legionäre Kaiser Caracallas benutzten, zweigt das Elftausendjungfern-Gäßlein ab. Es führt geradewegs in den Himmel. Jedenfalls sieht es so aus. Die heilige Ursula soll mit ihren Damen über die steile Treppengasse zum Münster gezogen sein. Dort verweile ich jetzt unter dem stark gelichteten Blätterdach eines Kastanienwaldes. Beuge mich über eine Mauer. Tief unten glitzert der Rhein. Rechts und links des Strombogens funkelt Basel in der Mittagssonne. Ich wende mich um. Scharlachrot steht das Münster. Ein enger Durchlaß führt in den Kreuzgang. Bei einer Säule im Münster befindet sich die Ruhestätte des Erasmus von Rotterdam. Er starb 1536 bei Basler Freunden. Er wollte hier begraben sein. Ich gelange zur Galluspforte am romanischen Querschiff des Münsters. Es überstand das Erdbeben von 1356, dem halb Basel und 60 Burgen zum Opfer fielen. Auf dem Portal dargestellt sind die vier Evangelisten und die sechs Werke der Barmherzigkeit, welche die Menschheit verpflichten, den "Hungernden, Dürstenden, Fremden, Nackten, Kranken und Gefangenen" Hilfe zu gewähren. Magisch angezogen wird der Blick vom "Mühlrad" oder "Glücksrad" über dem Portal. Es ist ein Rundfenster. An seinen Speichen klammern Menschen. Auf der einen Seite treiben sie zur Höhe, jauchzen triumphierend im Scheitelpunkt – und werden abwärts geschleudert.