Bielefeld

In Wilfried Webers Amtsstube macht sich Endzeitstimmung breit: "Wir kriegen uns schon noch selber kaputt, da brauchen wir gar keine Kriege mehr führen." So ein Seufzer entfahrt dem städtischen Beamten schon mal, wenn er sein wenig erfreuliches Aufgabengebiet schildert und darüber am liebsten resignieren möchte. Seit einigen Monaten ist er von der Bielefelder Stadtverwaltung hauptamtlich als "Brake-Beauftragter" abgestellt. Brake, der Name eines Bielefelder Vororts, ist mittlerweile über die Stadtgrenzen hinaus zum Synonym für Giftmülldeponie, für Umweltverseuchung und Bauskandal geworden. Wilfried Webers Aufgabe ist es, soweit möglich, wiederherzustellen, was da im Lauf der Zeit alles zerstört worden ist: Vertrauen in Politik und Verwaltung, Lebensträume vom eigenen Haus und – die Gesundheit der Anwohner. Eine Sisyphusarbeit, denn nahezu wöchentlich kommen neue Hiobsbotschaften hinzu.

Die neueste lautet: 23 von 185 untersuchten Bewohnern der Neubausiedlung Brake haben eine chronisch kranke Leber. Die Schädigungen reichen "bis an den Rand der Leberfibrose" (Vernarbung), so Professor Joachim Einbrodt vom Aachener Institut für Hygiene und Arbeitsmedizin, der die Untersuchungen leitete. Der Toxikologe hielt die Resultate für so brisant, daß er die Fraktionsvorsitzenden der Bielefelder Rathausparteien in einer Geheimsitzung davon in Kenntnis, setzte. Bei 21 weiteren Untersuchten waren die Leber-Enzymwerte noch so hoch, daß auch sie sich umgehend in ärztliche Behandlung begeben müssen.

"In ganz Nordrhein-Westfalen habe ich solch erhöhte Enzym-Werte und in dieser Häufung noch nie festgestellt", sagt der Mediziner, der landesweit bis zu 2000 derartiger Untersuchungen pro Jahr durchführt. Selbst im Ruhrgebiet und am immissionsbelasteten Niederrhein lägen die Werte nur etwa halb so hoch.

Über die Ursachen seiner Befunde möchte der Professor sich zwar nicht äußern, schließlich sei er Arzt; doch die Betroffenen haben keinen Zweifel daran, daß die Organschäden auf die Rückstände der ehemaligen Industriemülldeponie zurückzuführen sind, auf der ihre Eigenheime stehen. Sie glauben, daß insbesondere die Giftstoffe Tri- und Tetrachloräthen, die im Wasser der Hausbrunnen ermittelt worden waren, die Erkrankungen verursacht haben. Daß die Hausbrunnen hochgradig verseucht sind, ist immerhin schon seit 1968 amtsbekannt, als ein Deponie-Anrainer die Stadt auf Schadenersatz für diese Verseuchung verklagte.

Gleichwohl lehnt die Stadtverwaltung es ab, zwischen den jetzt ermittelten Krankheitsbefunden und den Deponie-Giften einen unmittelbaren Zusammenhang herzustellen. Die hohen Leberwerte könnten auch von Pilzgiften, Barbituraten oder Genußgiften jeglicher Art hervorgerufen worden sein, erklärte das städtische Gesundheitsamt. Dazu Professor Einbrodt lapidar: "Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Leute hier mehr Alkohol trinken sollen als im Ruhrgebiet." Bezeichnenderweise sind diejenigen Siedler, die schon jahrelang in Brake wohnen, stärker geschädigt als die, die erst kurze Zeit dort leben.

Mit diesen alarmierenden Befunden erhält die Affäre um die 36 Wohnhäuser, die auf der ehemaligen Giftmülldeponie errichtet wurden, eine neue Dimension. Bisher ging es in erster Linie um materielle, mithin reparable Schäden und allenfalls potentielle gesundheitliche Gefährdungen. Um die Bewohner vor bedrohlichen Gesundheitsschäden zu bewahren, hatte der Bielefelder Stadtrat im September den bundesweit einmaligen Beschluß gefaßt, alle Anwohner voll zu entschädigen ZEIT Nr. 40). Nun jedoch scheint es so, als komme die Hilfe zu spät.