Von Gerhard Schmidtchen

Jeder kulturelle Wandel verändert die Sprache. Ein Wertewandel macht sich nicht nur in neuen Begriffskarrieren wie "Frust" bemerkbar, sondern im Austausch von Inhalten. Die Begriffe bleiben wie Münzen lange Zeit im Umlauf, aber sie werden nicht mehr zum alten Wert ausgegeben und entgegengenommen. Wertewandel ist immer auch linguistischer Wandel. Auch deswegen kommt es zu Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Generationen. Sozialforscher hatten gehofft, dem Wertewandel durch jahrzehntelang konstant gehaltene Trendfragen auf die Spur kommen zu können, ohne zu bedenken, daß eben dieser Wertewandel vor den Trendfragen nicht haltmacht und sie unversehens linguistisch relativiert. Von diesem Schicksal wurden gerade jene Trendfragen ereilt, die von Allensbach als Zeichen für den Niedergang der deutschen Arbeitsmoral betrachtet wurden. Wie lauten die Befunde und was bedeuten sie wirklich?

Eine der Allensbacher Trendfragen zur Arbeitsmoral lautet (gekürzt), ob man das Leben als Aufgabe betrachte oder eher das Leben genießen wolle. Die Fraktion derer, die das Leben als Aufgabe betrachten, ist zwischen 1956 und 1980 zurückgegangen, bei Frauen um 10 Prozent von 62 auf 52 und bei Männern von 55 auf 49 Prozent. Keine dramatische Änderung eigentlich, aber unter jungen Leuten ist der Rückgang drastisch. Kann man dies, wie Strümpel es tut, als "Bedeutungsverlust leistungsorientierter Lebensgrundsätze" betrachten? Merkwürdigerweise steigt nicht die hedonistische Gegenfraktion besonders deutlich an, sondern die Zahl der Unentschiedenen. Die Ratlosigkeit gegenüber dieser Frage ist das Interessante. Leicht und entschieden kann man antworten, wenn in der Gesellschaft ein Konsens darüber herrscht, was die Lebensaufgaben sind.

Heute aber fragen junge Leute, wer eigentlich diese Aufgaben definiert. Sie wollen ihre Biographien nicht durch pauschale Identifikation organisieren lassen. Die Zurückhaltung gegenüber der Frage zeugt von einem erhöhten gesellschaftspolitischen Bewußtsein. Mit einem Rückgang der Leistungsbereitschaft hat das nichts zu tun, sonst wären die steigenden Bildungsanstrengungen junger Leute in der gleichen Zeit nicht zu erklären. Der Wertewandel hat dazu geführt, daß diese Frage heute ganz anders gehört wird als in den fünfziger Jahren.

Ein zweites Beispiel: Eine sinkende Zahl von Leuten erklärt in den Allensbacher Umfragen, sie seien mit ihrer Arbeit voll und ganz zufrieden. Der Trend ist indessen in den letzten zehn Jahren nicht besonders ausgeprägt. In den sechziger Jahren scheint es Höhepunkte bei der Beantwortung dieser Frage gegeben zu haben; davor, in den fünfziger Jahren, etwas geringeres Niveau. Bei diesem Auf und Ab muß man schon Zwischenwerte auslassen, um zu dramatischen Darstellungen zu gelangen. Im übrigen werden von Allensbach die große Gruppe, die sagt, sie sei teilweise mit der Arbeit zufrieden, und jene kleine, die überhaupt nicht mit der Arbeit zufrieden ist, zu einer negativen Gruppe vereinigt, um eine besonders kritische Entwicklung zu suggerieren.

Wenn es unter jungen Leuten mehr Zurückhaltung gibt, sich voll und ganz mit der Arbeit zu identifizieren, so hat das zwei Gründe. Der erste: In zahlreichen Trendumfragen zeigt sich, daß die jüngere Generation aus einer Abneigung, sich vereinnahmen zu lassen, pauschalen Urteilen und diffusen Identifikationsaufforderungen zurückhaltend begegnet. Der zweite: Die Frage nach der gegenwärtigen Arbeit hat zugleich den Charakter einer Frage nach dem Beruf, der Berufswahl. Wir predigen jungen Menschen die Tugend der Mobilität und der lebenslangen Fortbildung. Sie erleben insbesondere in den Werkhallen schnellen technischen Wandel. Wen wundert es da, daß sie angesichts dieser Situation die Totalidentifikation zurücknehmen, um anpassungsfähig zu bleiben? Keine sinkende Arbeitsmoral kommt zum Ausdruck, sondern die kluge Erwartung weiteren Wandels und beruflicher Veränderung.

Schließlich das dritte Allenbacher Interpretationskunststück. Die Zahl derer, die den Fortschritt der Technik als Segen betrachtet, geht dramatisch zurück. Aber es steigt nicht die Fraktion derer, die erklärt, die Technik sei ein Fluch. Da man etwas anderes bei dieser Frage nicht sagen kann, ziehen sich die meisten Leute, denen man diese Frage heute vorlegt, auf die Position "unentschieden" zurück. Nach Allensbacher Hauskriterien ist eine so große Zahl von Unentschiedenen eigentlich das Kennzeichen einer unbrauchbaren Frage. Und zur Darstellung der Einstellung zum technischen Fortschritt ist sie tatsächlich unbrauchbar geworden.