Das Bündnis stimmt dem Rogers-Plan zu

Von Kurt Becker

Der amerikanische Vier-Sterne-General Bernhard W. Rogers ist ein politischer General. Wie alle seine Vorgänger ist auch Rogers, Oberbefehlshaber der westlichen Bündnisstreitkräfte in Europa, auf das Vertrauen des amerikanischen Präsidenten ebenso angewiesen wie auf ein behutsames Einfühlungsvermögen in die ja keineswegs einhellige sicherheitspolitische Ideenwelt der westeuropäischen Nato-Mitglieder. Als oberster Militär muß er oft sogar in erster Linie ein Diplomat sein.

Einerseits muß sich Rogers bei der Verteidigungsorganisation an der Strategie der Kriegsverhinderung orientieren, andererseits aber hat er auch zu bedenken, mit welcher Priorität sich die Regierungen in ihrer Sicherheitspolitik von politischen Ausgleichsversuchen im Ost-West-Verhältnis, vor allem von der Politik der vereinbarten Rüstungsbegrenzung, leiten lassen. Und er muß berücksichtigen unter welchem innenpolitischen Druck sie stehen, wenn sie bei kaum noch zunehmendem Wirtschaftswachstum den Verteidigungsetat überdurchschnittlich aufstocken sollen, zugleich jedoch die Dynamik der Sozialausgaben stützen müssen.

Gleichwohl ist es Rogers nun nach jahrelang beharrlich vorgetragenen Forderungen gelungen, das westliche Bündnis in aller Form darauf festzulegen, daß es die konventionelle Abwehrkraft erheblich verstärken will. Gewiß, noch hat kein Mitglied sich verpflichtet, die dafür erforderlichen Kosten zu zahlen. Doch im Prinzip hat Rogers erst einmal einen Erfolg erzielt. Er ist weise genug, wenn er in diesen Tagen vor Politikern und Diplomaten, vor Experten und Journalisten die Grundzüge seines Planes präsentiert, den Habitus eines von Grund auf bescheidenen Mannes beizubehalten und ohne jeden Anflug selbstgefälliger Genugtuung um politisches Verständnis für sein Konzept zu werben.

Das von Rogers entworfene militärisch-operative Konzept soll künftig die Möglichkeiten für die Nato erweitern, Truppen und militärisch wichtige Einrichtungen im Hinterland des Angreifers zu bekämpfen. Dadurch sollen eine zweite Angriffsstaffel und Reserven des Warschauer Paktes daran gehindert werden, die in vorderster Front stehenden Kampfverbände zu verstärken oder, wo notwendig, zu ersetzen. Dieses Vorhaben stützt sich auf die Überzeugung, daß im Konfliktfalle die Vorneverteidigung versagen müßte, wenn sich alle Verteidigungskräfte des Westens nur auf den ersten Ansturm gegnerischer Truppen konzentrieren würden, statt beim Gegner auch in die räumliche Tiefe hineinzuwirken, noch ehe ein Angriff an Schwung gewonnen hat.

Dieses ursprünglich als "Rogers-Plan" bezeichnete Konzept heißt nun – in der gängigen Kürzelsprache der Nato – FOFA (Follow-On Forces Attack – Angriff auf nachfolgende Truppen). Die Ausdehnung des Gefechtsfeldes in die Tiefe des gegnerischen Raumes, sei es zur Abriegelung nachrückender Angriffsverbände oder zur Zerstörung von Verkehrswegen, sei es zur Zerstörung der feindlichen Luftwaffe am Boden, ist nicht prinzipell neu. Auch bisher war dies eine der wichtigsten, wiewohl nur begrenzt zu realisierenden Aufgaben der westlichen Luftstreitkräfte, wobei viele Ziele der nuklearen Kampfführung vorbehalten waren. Die neuen Planungsrichtlinien sehen eine ausschließlich konventionelle Bekämpfung des Hinterlandes vor. Hingegen bleibt ein massiver Gegenangriff von Bodentruppen über die Grenze zur DDR und zur Tschechoslowakei hinweg, wie bisher schon, außerhalb jeder Erwägung.