Von Jürgen Manthey

Die Verfilmung von Evelyn Waughs Roman "Wiedersehen mit Brideshead", in England und den USA ein nationales Ereignis, hat bei uns, in sieben Fernsehfolgen ausgestrahlt, dem Autor keinen neuen Ruhm gebracht. Jeremy Irons, gerade noch als Swann in Schlöndorffs Proust-Verfilmung zu sehen, spielte die Hauptfigur, Charles Ryder, als einen blassen, meist stummen und stets staunenden Jüngling, von dem man nicht recht wußte, was die, die ihn Freund, Vertrauter oder Geliebter nannten, eigentlich an ihm hatten. Zu jedem Satz seines Idols, dem gleichaltrigen, exzentrischen Lord Marchmain, lächelte er immer nur selig. Später stand er jahrelang an seiner Stelle die Langeweile einer hocharistokratischen Gesprächsrunde mit der Contenance eines Buchhalters durch.

Deutschen Zuschauern wird nicht klar geworden sein, daß diese stille Adelsklette mit dem süchtigen Blick für Dekors und Honneurs auch ein boshaftes, wenn auch etwas stures Epitaph auf den Autor des Romans, Evelyn Waugh, war. Dieser hatte nach Erscheinen seines Buches (1945) Kritikern geantwortet, er nehme sich einfach das Recht, zu beschreiben, was er am besten kenne – und das sei nun einmal der englische Hochadel, hieß das. Allerdings, hatte er hinzugefügt, einen nobleman auch nur mehr zu erwähnen, sei mittlerweile das gleiche wie vor 60 Jahren die Erwähnung einer Prostituierten.

Das war noch eine der harmloseren Äußerungen, mit denen Waugh sich zu seinen Lebzeiten – er starb 1966 mit 63 Jahren – den Ruf eines berüchtigten Snobs eingetragen hatte. Als Sohn eines gutbürgerlichen Verlagsangestellten aus dem (bescheidenen) Intellektuellenmilieu des Londoner Vororts Hampstead geboren und aufgewachsen, war er nicht einmal nach Eton, sondern an das weit weniger renommierte Lansing College in Sussex geschickt worden. Er hat es seinem Vater mit einer Reihe von satirischen Porträts, im Werk an auffälliger Stelle untergebracht, heimgezahlt.

Ich habe den Verdacht, daß der Eton-Boy eine Erfindung der Nicht-Eton-Boys ist, ein Mythos. Waugh wollte wenigstens wie einer aussehen. Er stellte sich vor, er müsse sich dazu wie ein englischer Landedelmann aus dem 18. Jahrhundert kleiden. So ließ er sich aus dem schweren Mantelstoff, der exklusiv für die Offiziere der "Household Cavalry" gewebt wurde, einen monströsen Anzug schneidern. Dazu trug er zeitweise eine weiße Melone. Noch in späteren Jahren nahm er Reitunterricht, in der Hoffnung, bei Einladungen zu Fuchsjagden eine bessere Figur zu machen.

Er vertrat Ansichten, die, wie sein Freund und Biograph Christopher Sykes bemerkt, selbst dem 1649 hingerichteten König Charles I. reaktionär erschienen wären. Er war in allem von einer so boshaften Ungefälligkeit und destruktiven Unberechenbarkeit, daß Freunde und Feinde ihn gleichermaßen fürchteten.

In dem Roman "The Orded of Gilbert Pinfold" steht ein kaum verhülltes Selbstporträt des Autors in seinem 50. Lebensjahr: "Am stärksten waren bei ihm die Gefühle der Ablehnung ausgebildet. Er verabscheute Plastik, Picasso!" Sonnenbäder und Jazz – im Grunde alles, was zu seinen Lebzeiten aufgekommen war. Das winzige Rinnsal der Nächstenliebe, das durch seine Religion zu ihm durchdrang, reichte höchstens aus, seinen Ekel zu mildern und in Gelangweiltheit zu verwandeln."