Von Sigrid Löffler

Der Dichter Thomas Bernhard ist der Erfinder des Konsequentismus. Meine Wörterbücher kennen diesen Begriff zwar nicht, aber Bernhards Bühnenfigur, der Artist Karl in "Der Schein trügt", brüstet sich damit. "Natürlich – ich bin nicht angenehm – Konsequentismus", sagt dieser Karl anerkennend von sich selber, und wenn er auch noch von Bernhard Minetti gespielt wird, dann reckt er dazu selbstgefällig das Kinn, das Auge blitzend vor ingrimmigem Dünkel.

Konsequentismus dürfte daher so was wie die Theorie der Methode der beharrlichen und folgerichtigen Grundsatztreue sein. An der Praxis des Bernhardschen Konsequentismus kann sich jedenfalls die literarische Öffentlichkeit in Österreich seit Wochen ausgiebig delektieren. Seit sein Buch "Holzfällen – Eine Erregung" in Österreich beschlagnahmt wurde, ist alles, was Thomas Bernhard sagt und tut, strikt konsequentistisch.

Er schickt beispielsweise von der Frankfurter Buchmesse einen Bannstrahl gegen das Burgtheater. Weil. "der Staat" sein Buch verboten nabe, verbiete er, Bernhard, seinerseits dem Staatstheater die Aufführung seiner Stücke. Zwar hat er seine Stücke ohnehin seit Jahren für alle Bühnen des Landes gesperrt; trotzdem schleudert er zur Bekräftigung diesen Extra-Bann gegen die Burg, für jetzt und für die Zukunft, also auch für die Ära seines treuen Uraufführers Claus Peymann nach 1986.

Aber wenige Wochen später ist auf der Kammerbühne der Burg sehr wohl ein Bernhard-Stück zu sehen – "Der Schein trügt" als Gastspiel aus Bochum in Peymanns Regie.

Der zürnende Dichter wird also wohl von diesem Verstoß gegen seinen Österreich-Boykott nichts gewußt haben? Bei der Premiere ist er jedenfalls im Zuschauerraum nicht anwesend. Wie denn auch: Erst am Vortag, beim Ehrenbeleidigungsprozeß Lampersberg gegen Bernhard und Suhrkamp-Verlag wegen Verspottung und übler Nachrede im Roman "Holzfällen", hat sich der Dichter doch wegen beruflicher Abwesenheit entschuldigen lassen. Er sei "vielleicht in Deutschland", mutmaßte sein Anwalt. Und doch ist der Herr, der tags darauf nach der Aufführung in Wien vor dem Theatereingang herumsteht und geschmeichelt Autogramme schreibt, ganz eindeutig Thomas Bernhard. Das nenn’ ich schieren Konsequentismus.

Vor dem gesamtösterreichischen Bernhardschen Bühnen-Bann sind also alle Theater gleich, manche aber gleicher. So ist es nur konsequentistisch, daß die nächste Bernhard-Uraufführung wiederum in Österreich stattfinden dürfte – nächsten Sommer in Salzburg, durch Peymann, naturgemäß.