Von Manfred Seiler

Mittlerweile gibt es eine Generation, die Sprache als etwas Entleertes erlebt, die mit einer Sprache aufgewachsen ist, mit der sich Empfindungen nicht mehr individuell artikulieren lassen. Die Rede ist gewissermaßen enteignet worden. Die durch Sprache vermittelte Wirklichkeit ist für die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen ein Gebilde aufgeblähter Künstlichkeiten. Sie suchten deshalb einen Ausweg – den der symbolhaften Körpersprache, in die bewußte Anwendung der Formel.

Der Schriftsteller Rainald Goetz ist einer von ihnen. Als er sich während seiner Lesung für den Ingeborg-Bachmann-Preis heuer mit einer Rasierklinge eine stark blutende Wunde in die Stirn schnitt, wurde das in der Berichterstattung überwiegend als billiger Publicity-Gag ausgelegt und nur gelegentlich als Darstellung eines Leidens gedeutet – eines Leidens jedoch an der Literatur, was im Literaturbetrieb eine standardisierte, positiv besetzte Mythologisierung ist. Daß Rainald Goetz weniger an der Literatur als vielmehr an dem sie begleitenden Betrieb leiden könnte, wurde nirgends erörtert. Genau dieses Leiden aber hatte Goetz sichtbar gemacht. Obwohl fast alle Berichterstatter seine "Publicity-Nummer", wie sie es nannten, wegen ihrer Billigkeit eigentlich nicht erwähnenswert fanden, taten sie genau das Gegenteil dieser Einschätzung. Der "Fall Goetz" ging durch die Presse (und Goetz flüchtete nach New York), und wenn man heute nach den Bachmann-Preisträgern von 1983 fragt, wird man sich vielleicht noch an Friederike Roth erinnern können, ganz bestimmt aber an Rainald Goetz, der dort gar keinen Preis bekam.

In seinem Buch "Wartezeit – Ein Sittenbild" erzählt Michael Rutschky die Geschichte des Medizinstudenten G., der als Praktikant in einer psychiatrischen Klinik arbeitet. Der Medizinstudent G. leidet unter "Textentzug", wie es Michael Rutschky nennt. Alles was G. an Kritik an den Anstaltspraktiken vorbringt, wird ihm als Text entwendet, das heißt, er sieht sich ständig einen Text formulieren, "für den Leser, in dessen Erwartung dieser Text geschrieben wurde". Der Medizinstudent G. droht in dem ihm entgegengebrachten Verständnis zu ertrinken. Deshalb sticht er sich durch sein Ohrläppchen zwei Sicherheitsnadeln und erreicht durch den deutlich sichtbaren Drahtverhau an seinem Ohr (im Gegensatz zu seinen Vorgesetzten trägt der Medizinstudent G. sein Haar kurzgeschoren) Reaktionen. Die Ärzte, seine Vorgesetzten, sehen ihn lustvoll in den Wahn abtreiben und fordern ihn auf, die Provokation zu entfernen.

Fleißige Feuilletonleser werden es schon erahnt haben, daß der Schriftsteller Rainald Goetz, der einen Roman über seine Erfahrungen als Medizinstudent in einer psychiatrischen Anstalt gechrieben hat, und der Medizinstudent G. aus Rutschkys Buch identisch sind. Dies ist aber nur insoweit wichtig, weil damit in beiden Handlungen eine durchgängige Erfahrung und der Versuch einer Ästhetisierung sichtbar werden. Wie Brecht mit seinen Dramen zitiert Goetz mit seinen Handlungen, seinem Text, höhnisch einen Kontext.

Rainald Goetz hat als Schriftsteller und als Student seine geistige Entwicklung als Nachfolgegeneration der von 1968 erlebt, und somit die Helden aus dem vorletzten Jahrzehnt als Lehrer, Vorgesetzte, Professoren, Kritiker, als Autoritäten also, die es verstanden haben, sich wortgewandt über die Funktionen und Wirkungen ihrer Positionen hinwegzureden. Worunter Rainald Goetz leidet, davon profitieren sie: vom Textentzug. Sie halten nicht nur gesellschaftliche Positionen besetzt, sondern auch die, mit ihren Positionen mittlerweile unvereinbar gewordene, zum Jargon verkommene Rede des Widerstands. Die Sprache des Leidens an gesellschaftlichen Verhältnissen eines C4-Professors entreißt seinem Studenten jede Möglichkeit, sich leidend zu artikulieren, da er den Professor als Teil der Gesellschaft erfährt und die Gesellschaft als an sich selbst leidend. Er wird in hilfloser Wut verstummen, Möglichkeiten einer "irrationalen Provokation" suchen, weil diese Gesellschaft ihn mit einer Rede konfrontiert, gegen die nichts zu sagen ist – und der C4-Professor wird sich bei seinem Kollegen darüber beklagen, daß die Studenten von heute "so deprimierend unkritisch" sind. "Also müssen wir annehmen, daß das Schweigen das angemessene Reden war."

Rainald Goetz hat mit seiner Aktion in Klagenfurt vor allem das sichtbar gemacht: daß das aufgeklärte Bewußtsein beim Schreiben über Literatur mehr den Gesetzen der Werbebranche folgt als denen eines kritischen Bewußtseins oder denen der Literatur.