In seinem Buch "Erfahrungshunger" hat Michael Rutschky die Wege und Irrwege und die Entwicklung dieses "kritischen Bewußtseins" während der siebziger Jahre beschrieben. Der Hunger schien unersättlich gewesen zu sein. Plötzlich aber, zu Beginn dieses Jahrhunderts, ist ein Völlegefühl aufgekommen, ohne daß der Hunger gestillt werden konnte. In seinem Essay "Wartezeit – Ein Sittenbild" analysiert Rutschky dieses Völlegefühl und die Schwierigkeiten der Nachfolgegeneration, sich dagegen zu behaupten. Der Kampf um Selbstbehauptung hat groteske Züge angenommen. Konnte man darunter einmal die Behauptung verstehen: Es gibt mich, und ich stehe hier, so ist diese Setzung mittlerweile vom Zweifel durchdrungen: Ich weiß nicht, ob es mich gibt und wo ich stehen soll, aber ich behaupte es trotzdem. "Worum tobt dann aber der Kampf? Darum, daß nicht zu spüren sein soll, daß nichts zu spüren ist." Man könnte Michael Rutschky vorwerfen – und dieser Vorwurf wird ihm gemacht – daß er mit seinen Essays stets allzu geschwind im Trend der Zeit liegt. Nichts weniger aber verlange ich von dieser, seiner, Literatur.

"Das Bewußtsein ist zu betrachten wie ein Text, dessen Autor unbekannt ist", schrieb Jacques Lacan und brachte damit ein Interpretationsverfahren auf den Punkt, dessen Vertiefung darin bestand, in der Ästhetik einer rationalen Äußerung das Irrationale eines sich äußernden Bewußtseins zu erkennen, die dessen eigentliche Intentionen verraten – Sprache ist verräterisch und längst nicht so geduldig wie Papier. Michael Rutschky, der dieses Verständnis in seinen Essays anwendet, arbeitet mit den Mitteln der Skepsis. Er vertraut einer Äußerung nicht, indem er sie unbefragt zur Rekonstruktion eines Bewußtseins heranzieht, er faßt beständig die Möglichkeit ins Auge, daß ein Bewußtsein vor allem darin rekonstruierbar ist, wie es sich in seinen Äußerungen verleugnet. Ironie ist für ihn der Weg der Erkenntnis. Lächelnd widmet er sich den Figuren seiner Zeit, beschäftigt sich mit ihnen nicht um ihrer selbst willen, sondern als Material eines umfassenderen Textes. Das macht die Schärfe seiner Polemik aus. Wenn er Enzensbergers Weg des Hasardeurs und die ideologischen Slalomläufe nachzeichnet, so zunächst nicht, um Enzensberger zu treffen, sondern um eine Theorie für einen Protagonisten zu erstellen. Damit aber trifft Rutschky Enzensberger am wirklich wunden Punkt: daß Enzensberger das nicht war, was er immer zu sein behauptete: unberechenbar. Ganz im Gegenteil, kühl berechnend ging dieser Mann seinen Weg. Er rechnete nur schneller als die anderen.

Wie schon in seinem Essay "Erfahrungshunger" überzeugt auch in "Wartezeit" die Schärfe von Rutschkys Beobachtungen, seine Kunst, mit der er Analogien wahrnimmt, wie er aus scheinbar unzusammenhängenden Details ein "Netz", einen "Text" (Barthes) knüpft, der eine realistische Wiedergabe von Bewußtsein darstellt. Dennoch scheint mir sein neues Buch nicht so gelungen wie "Erfahrungshunger": Die Virtuosität, die Brillanz der Essayistik ist geblieben, nur ist sie in einzelnen Kapiteln nicht frei von Selbstgefälligkeit, die die Grenzen zum unangenehmen Manierismus gelegentlich erheblich überschreitet.

Michael Rutschky: "Wartezeit – Ein Sittenbild"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1983; 288 S., 29,80 DM