Zu früh für tot erklärt

Von Michael Jungblut

Vor drei Jahren herrschte Lärm auf der Straße, wurden Spruchbänder geschwungen, ertönten Sprechchöre, läuteten die Glocken der benachbarten Kirchen Sturm, weil es in den Werkhallen still werden sollte.

Heute ist es auf den umliegenden Straßen ruhig. Aber in den Fabrikhallen herrscht reger Betrieb, laufen die Maschinen wieder auf Hochtouren.

Bei Triumph-Adler in Frankfurt können kaum so viele elektronische Schreibmaschinen produziert werden, wie die Kunden verlangen. "Bei uns ist die Aufholjagd im vollen Gang. Bis zum Jahresende werden wir die Produktionsausfälle, die uns der wochenlange Streik gebracht hat, wohl einholen und damit die für dieses Jahr geplanten Stückzahlen doch noch erreichen können", hofft der Werksleiter Heinz Blum.

Aber das ist dennoch nur ein schwacher Trost. Ohne den Arbeitskampf in der Metallindustrie durch den bei Triumph-Adler eine Produktion von rund siebzigtausend Schreibmaschinen ausfiel, hätten in diesem Jahr einige zehntausend Maschinen mehr verkauft werden können, vor allem im Export. Das Geschäft machen jetzt die Japaner. Daß die IG Metall ausgerechnet ein Unternehmen besonders hart mit dem Streikknüppel traktierte, bei dem gerade durch eine ebenso kostspielige wie schwierige Umstrukturierung versucht wurde, Arbeitsplätze zu erhalten, die kurze Zeit vorher noch unrettbar verloren zu sein schienen, gehört zu den vielen Merkwürdigkeiten des Arbeitskampfes im Frühjahr 1984.

Doch auch wenn die wochenlange Zwangspause die Sanierung des Unternehmens erschwert hat, so ist davon in den Fabrikhallen heute nichts mehr zu spüren. Wer die alten Adier-Werke in Frankfurt gekannt hat, aus denen früher einmal neben Schreibmaschinen auch Fahrräder, Motorroller und Autos rollten, wird den Betrieb kaum wiedererkennen. Von außen ist es zwar immer noch das alte Gemäuer, dessen Architekten sich zu Beginn dieses Jahrhunderts etwas krampfhaft darum bemüht hatten, industriellen Zweckbau und Burgenromantik auf einen Nenner zu bringen. Aber im Inneren haben in hellen, farbenfrohen Räumen supermoderne Lagereinrichtungen, Transportmittel und Produktionsanlagen die schrottreifen Maschinen ersetzt, an denen noch vor kurzer Zeit die Mitarbeiter in düsteren, schmutzigen Hallen einen ebenso verzweifelten wie hoffnungslosen Kampf um das wirtschaftliche Überleben führten.

Als der in Nürnberg residierende Vorstand von Triumph-Adler (TA) den verrotteten Betrieb in Frankfurt 1981 schließen und 2700 Arbeitnehmer "freisetzen" wollte, sprach der damalige Finanzchef Georg Glahn von einem seit 1980 anhaltenden Verlusttrend, von "einem beängstigenden Ausmaß der Lagerbestände" bei Schreibmaschinen, die – wenn überhaupt – nur zu Preisen zu verkaufen waren, die "weit unter den Gestehungskosten" im Frankfurter Werk lagen. Dem damaligen Management fiel darauf keine andere Antwort mehr ein, als die völlige Stillegung des traditionsreichen Betriebes.

Zu früh für tot erklärt

Doch das Todesurteil wurde nicht vollstreckt. Alarmiert von den massiven öffentlichen Protesten, an denen sich neben den Beschäftigten und der IG Metall auch Politiker aller Parteien und Geistliche beider Konfessionen lautstark beteiligten, revidierte das Volkswagenwerk, Muttergesellschaft des flügellahm gewordenen Adlers, den Beschluß. Neben der Sorge, daß der Ruf des Autokonzerns mehr Schaden nehmen könnte, als eine Aufrechterhaltung der Produktion in Frankfurt kosten würde, dürfte dabei in Wolfsburg auch die Drohung der Belegschaft eine Rolle gespielt haben, während der bevorstehenden Automobilausstellung in Frankfurt für Rabatz zu sorgen.

Und nun geschah, was die früheren Herren des Unternehmens – von 1957 bis 1969 Max Grundig, danach bis 1979 Litton Industries – versäumt hatten: "Die Produkte, die Produktionsanlagen und die Organisation wurden kompromißlos und konsequent auf den modernsten Stand gebracht", wie es der im Vorstand seit 1982 für den Bereich Produktion, Logistik, Materialwirtschaft und Entwicklung zuständige Klaus Mentzel formuliert. Und er fügt hinzu: "Dieser Prozeß der Innovation, geht ständig weiter. Wir haben uns fest vorgenommen, nie wieder hinter die Konkurrenz zurückzufallen.

Genau das aber war in den siebziger Jahren in weiten Bereichen geschehen. Die einst weltweit als Spitzenprodukt geltenden Adler-Schreibmaschinen wurden bei der Einführung technischer Neuerungen immer häufiger nur zweiter Sieger. Überdies wurde zu teuer produziert. Wie häufig in solchen Fällen jammerten die damals verantwortlichen Manager zwar oft und gern über das viel zu hohe Lohnniveau in der Bundesrepublik, versäumten es darüber aber, dies durch eine entsprechende Steigerung von Produktivität und Qualität wettzumachen. "Was wir hier vorfanden, war einfach unglaublich", erinnert sich Peter Niedner, der nach dem überraschenden Beschluß von VW, mit der TA-Gruppe einen neuen Anfang zu wagen, bis Mitte dieses Jahres den Vorstandsvorsitz innehatte. Da waren nicht nur riesige – und teure – Lager, vollgestopft mit Vorprodukten und Teilen; es ab auch viel zu große Vorräte an fertigen Produkten. "Wenn beispielsweise eine kleine Bestellung aus Israel kam, dann wurde eine Serie von einigen hundert oder tausend Maschinen produziert, um auf eine wirtschaftlich vertretbar erscheinende Größenordnung zu kommen." Die meisten dieser Schreibmaschinen wanderten dann ins Lager – in der Hoffnung, sie später doch noch verkaufen zu können. Gelang dies nicht, mußten sie entweder mit hohen Kosten auf andere Schrifttypen umgerüstet oder verschrottet werden.

Heute gibt es in Frankfurt nur noch ein supermodernes Hochregallager, in das die gelieferten Teile und Vorprodukte vollautomatisch und computergesteuert einsortiert und nach möglichst kurzer Zeit bedarfsgerecht wieder abgerufen und an die jeweiligen Zielorte in den Werkhallen gebracht werden. Teure Teile liegen dabei nie länger als höchstens drei Tage im Lager, die weniger kostspieligen dagegen werden in Mengen eingekauft, die günstige Preise sichern.

Zudemhat Triumph-Adler den Zukauf von Teilen drastisch reduziert. Durch eine klare Aufgabenverteilung unter den inländischen Werken der Gruppe bei gleichzeitiger Modernisierung der Fertigung Kann die TA-Gruppe die meisten der für die Schreibmaschinenproduktion benötigten Teile – von den Schreibtasten über die Elektronik bis hin zum Kunststoffgehäuse – inzwischen zu Kosten produzieren, die bis zu einem Drittel unter dem Preis liegen, der früher beim Zukauf gezahlt wurde.

Dies alles würde aber nicht ausreichen, wenn nicht eine starke Reduzierung der Durchlaufzeit in der Produktion zu einer weiteren kräftigen Kostensenkung führen würde. Heute sind es von der computergesteuerten Bereitstellung der für jeden Typ benötigten Teile bis zu dem Augenblick, in dem die geprüfte und verpackte Maschine versandfertig im Container verschwindet, nur noch maximal zwei Stunden – im Gegensatz zu den Wochen und Monaten, in denen die Fertigprodukte noch vor wenigen Jahren oftmals im Lager verstaubten, Kosten verursachten, ohne Geld in die Kasse zu bringen.

Ohne die Möglichkeiten, die die elektronische Steuerung der Produktionsabläufe heute bietet, standen die Manager vor einem fast unlösbaren Dilemma: Entweder nutzten sie die Kostenvorteile der Massenproduktion und konnten dann die unterschiedlichen Wünsche der Kunden nur erfüllen, wenn beim Hersteller und Fachhändler umfangreiche Lager mit den verschiedenen Schreibmaschinentypen aufgebaut wurden. Oder sie gingen schon bei der Produktion auf die individuellen Wünsche der Käufer ein und mußten dann teure Kleinserien produzieren. Heute dagegen erlauben es die vielfältigen Möglichkeiten einer mit Hilfe modernster Elektronik gesteuerten Fertigung, jedes Gerät exakt nach Kundenwunsch zu bauen, ohne daß der Produktionsablauf dadurch zeitaufwendiger und teurer wird. Weil der Computer dafür sorgt, daß jedes benötigte Teil zur rechten Zeit am richtigen Arbeitsplatz ist, laufen in Frankfurt die Maschinen in bunter Vielfalt über das Band: 38 Modelle mit jeweils bis zu dreißig Varianten können in beliebiger Reihenfolge gefertigt werden, ohne daß das Tempo gedrosselt werden muß. Alle zwanzig Sekunden verläßt eine versandfertige Maschine das Band.

Zu früh für tot erklärt

"Unser Ziel war es, die Flexibilität einer Kleinserienfertigung mit den Kostenvorteilen der Massenproduktion zu verbinden", erläutert Klaus Mentzel. Das Resultat dieser Bemühungen ist, daß die Kosten der Produktion um rund dreißig Prozent gesenkt werden konnten und daß heute jede sechste elektronische Büroschreibmaschine, die in der Welt verkauft wird, aus dem Frankfurter Werk stammt, für das vor drei Jahren der Totenschein schon ausgestellt war.

Das damals größte Problem, die hohen Arbeitskosten in der Bundesrepublik, spielt heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Denn der direkte Lohnkostenanteil konnte durch die Modernisierung auf fünf bis höchstens zehn Prozent gesenkt werden. Der Aufwand für die Steuerung des Produktionsprozesses dagegen stieg auf 25 bis 30 Prozent der gesamten Kosten.

Doch die einzige Chance, weiterhin Schreibmaschinen und viele andere Produkte in einem Hochlohnland wie der Bundesrepublik zu wettbewerbsfähigen Preisen herzustellen, besteht darin, den Konkurrenten auf dem Weltmarkt nicht nur in der Qualität der Produkte, sondern auch in der Produktionstechnik und Organisation immer so weit voraus zu sein, daß die Unterschiede im Lohnniveau zumindest ausgeglichen werden.

Ohne die konsequente Nutzung des technischen Fortschritts hätte Triumph-Adler früher oder später nicht nur in Frankfurt die Tore für immer schließen müssen. Auch die Produktion in Nürnberg, Berlin und den anderen Werken der Gruppe hätte auf die Dauer nicht fortgeführt werden können. Zwar fielen der Rationalisierung zwischen 1980 und 1983 allein im Inland 3208 Arbeitsplätze zum Opfer und die Zahl der Mitarbeiter schrumpfte von 8997 auf 5789. Doch wenigstens deren Jobs konnten mit Hilfe des so oft als "Arbeitsplatzkiller" verteufelten technischen Fortschritts erhalten werden.

Und inzwischen erhöhte TA sogar wieder die Zahl der Beschäftigten. Im Inland stehen schon wieder 6064 Männer und Frauen auf der Lohn- und Gehaltsliste. Es könnten noch mehr sein. Inzwischen klagen die Manager schon wieder darüber, daß sie trotz der hohen Arbeitslosigkeit für ihre Werke in Frankfurt und Berlin nicht genügend geeignete Mitarbeiter finden können. Das sind ganz andere Sorgen als im September 1981.