Wir hören es von allen Seiten: Frauen haben ein neues Köiperbewußtsein entwickelt. Aerobic, Bodybuildung, Frauen als Marathonläuferinnen und dem neuen Mutter-Mythos huldigende Schwangere – es scheint von Indikatoren nur so zu wimmeln. Zweierlei wurde bislang dabei übersehen; zum einen sind es, bei näherer Betrachtung, abenteuerlich verschiedene Phänomene, die da zu einem Trend gebündelt werden, und zum anderen: War der Körper und seine Befindlichkeit für Frauen untereinander denn nicht immer ein Gesprächsstoff von teilweise ermüdender Ausführlichkeit – und zwar ganz unabhängig davon, wie körperfeindlich oder -freundlich sich die Zeitumstände gerade gaben? Immerhin gehören die der Medizin und den immergleichen Fragen gewidmeten Seiten in den herkömmlichen Frauenzeitschriften zu den bestgelesenen. Und es sind eben keineswegs nur Machos, die behaupten,, wenn eine junge Mutter der Freundin die Geburt ihres Kindes schildere, dauere dies länger als das Ereignis selbst.

Frauen: nicht das andere, sondern immer noch das "schwache" Geschlecht? Eine Definition der doppelten Verachtung. Frauen waren in der Vergangenheit angeblich nicht nur den Männern rein kräftemäßig unterlegen, sondern auch unfähig, ihr Leben nach eigenen Maßstäben einzurichten und in die Hand zu nehmen. Das schwache Geschlecht – das waren "Weiber", die bei tatsächlicher oder eingebildeter Überbeanspruchung in Ohnmacht fielen; unpäßlich waren; die von Migräne, Schmerzen, Schwangerschaften oder Wechseljahren mehr oder weniger ständig lahmgelegt und schon von daher nicht für voll genommen wurden.

Sind Frauen "von Natur aus" wehleidiger? Oder einfach nur gezwungen, ihrer Gesundheit mehr Aufmerksamkeit zu schenken, weil jegliche Störung mit massiven Beeinträchtigungen verbunden ist? Wieviele der "typischen" Frauenleiden sind eingebildete Symptome, Hinweise auf Frustration und Unterforderung? Freud hat als erster erkannt, wo die eigentlichen Auslöser für die Flucht in die Hysterie zu suchen waren.

Vor knapp einem Jahrzehnt erschien in den USA ein Gesundheitsführer, von Frauen für Frauen geschrieben, der über den Kreis der Bescheidwisserinnen hinaus breite Resonanz fand und in viele Sprachen übersetzt worden ist. Our bodies, ourselves war zum einen der Versuch, Frauen auch auf dem Gebiet der Medizin zu mehr Wissen und weniger Abhängigkeit zu verhelfen. Darüber hinaus aber konnte dieses Buch auch als eine Art Kriegserklärung gelesen werden – an eine als frauenfeindlich eingestufte Gynäkologie. In den Augen der Feministinnen ist sie eine von Männern beherrschte Wissenschaft, die Frauen nicht so sehr helfen will, sondern statt dessen darauf abzielt, sie ahnungslos, willig und verfügbar zu halten.

Nun liegt eine Art (unfreiwilliger?) Ehrenrettung der Frauenheilkunde vor. Ein Mann (nun ja), kein Mediziner, sondern ein Historiker hat untersucht, welche Not die Frauen vergangener Zeiten mit ihrer (naturgegebenen? gottgewollten?) Konstitution hatten. Eine Sozialgeschichte der Frau in lesbarer Form, weil der Autor Edward Shorter sich in guter angelsächsischer Tradition bemüht, trockene Statistiken, verstreutes Quellenmaterial und Fachwissen so aufzubereiten, daß Zusammenhänge deutlich werden.

Natürlich nimmt die Geschichte der Geburtshilfe einen breiten Raum ein, weil sich auf diesem Gebiet Unwissen, Aberglaube, Ignoranz und Fatalismus zu einem besonders eklatanten Risiko verbanden. Entscheidend für den glücklichen Ausgang war unter anderem, ob die Frau in die Hand einer ländlichen oder städtischen Hebamme geriet, deren Ausbildung von großen qualitativen Unterschieden gekennzeichnet war. "Mir ist klar", schreibt Shorter nach vielen Seiten der trotz ihrer Nüchternheit beklemmend anschaulichen Geburtsschilderungen, "daß der Leser mittlerweile genug von all den Komplikationen hat."

Aber mit dem Kindbett allein ist "die Welt der in Vergessenheit geratenen Leiden" keineswegs ausreichend beschrieben. Was zum Beispiel bewirkte die mangelhafte Ernährung in der Kindheit für Frauen in späteren Jahren? Welche Möglichkeiten der Hilfe gab es bei Schwangerschaftskomplikationen, Geschlechtskrankheiten, gynäkologischen "Langzeitschäden"? Wie schädlich war das Korsett tatsächlich? Welche Ursachen lagen der höheren Frauensterblichkeit zugrunde? Und vor allem: Wie hat die Gynäkologie und die Medizin generell die Benachteiligungen der weiblichen Natur allmählich beherrschbar gemacht?