Zu viel, zu wenig

Von Widmar Puhl

Da legt ein großer alter Mann der Wissenschaft dem Leser, dem Studenten, dem Kollegen die Summe seines Lebens vor: 1200 Seiten spanische Literaturgeschichte. Hans Flasche, der ehemalige Direktor des Romanischen Seminars der Universität Hamburg, hat eine gewichtige "Geschichte der spanischen Literatur" in (bisher) zwei Bänden vorgelegt.

Der erste Band führt von den Anfängen bis zum Ausgang des fünfzehnten Jahrhunderts, der zweite behandelt das Goldene Zeitalter der spanischen Dichtung, also das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert. Eine riesige Arbeit, entstanden aus Vorlesungen mit dem Ziel, "den derzeitigen Stand der Forschung und die eigene, selbst erarbeitete Interpretation des Verfassers vor Augen zu führen. Sie möchte die Vielfalt der wichtigen wissenschaftlichen Probleme erkennen und die sorgfältige Erklärung von zentralen, auch einfachen Sachverhalten unter jeglichem Verzicht auf modisch gefärbte Terminologie gewährleisten". Flasche spricht von seiner Methode als von der "Autopsie der Manuskripte und maßgeblichen Texte". Er will Schwerpunkte setzen und Entwicklungen deutlich machen.

Man findet überwiegend die Textanalysen eines detailbesessenen Philologen alter Schule. Nicht neu, aber akribisch nachgewiesen: die katholische Durchdringung der spanischen Literatur. Geradezu spannend berichtet Flasche über die Entdeckung der "jarchas", jener kleinen, refrainartigen Strophen in spanischer Volkssprache, die seit 1050, also lange vor dem berühmten Nationalepos vom "Mio Cid", immer häufiger in den mozarabischen Liedern und Balladen der Mauren auftauchten. Flasche leistet pedantische Dokumentation, aufwendige Bibliotheksforschung und minuziöse Editionsgeschichte. Bei wichtigen Texten und Autoren ist Flasche ein ausgezeichneter Führer durch Originalhandschriften und Textausgaben. Für Hispanisten bietet sich hier, vorwiegend in den Fußnoten, eine gute Auswahl zum Quellenstudium ohne hinderlichen Vollständigkeitsfimmel.

Aber solcher Nutzen hat seine Grenzen. Schon die Textinterpretation leidet, denn das Ganze ist über weite Strecken sehr speziell. Hier rächt sich Flasches enges Verständnis der eigenen Maßstäbe: "Das Leben der Autoren, der historische Rahmen, in dem ein Werk entstand, die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen Verhältnisse finden nur insofern intensive Beachtung, als sie der Interpretation des Werkes dienen." "Intensiv"? Keine Rede. Soziologie oder biographische Information finden praktisch nicht statt. Sicher, da steht auch schon mal in einer Fußnote der Hinweis auf die Lope-de-Vega-Biographie von Fritz Rudolf Fries. Aber wer diese voluminösen Bände als Nachschlagewerk benutzen will, muß verzweifeln.

Wer (wohl nicht zu Unrecht) von einer so umfangreichen Literaturgeschichte erhofft, sie biete auch Übersicht über Leben und Wirken spanischer Dichter in ihrer Zeit, wird enttäuscht. Das Bild eines Lope de Vega beispielsweise, der nach zwei Ehen, einem Konkubinatsprozeß und Priesterweihe im Jahre 1614 Skandal macht, weil er einer Geliebten auf dem Balkon zuwinkt, während er an der Spitze einer Fronleichnamsprozession das Allerheiligste durch die Straßen Madrids trägt, bleibt ihm verborgen. Lope zog das Volk wie ein Magnet in die Theater; zu seinem Begräbnis war ganz Madrid auf den Beinen. Dieses Monstrum an Lebensfreude, Schaffenskraft und Widersprüchen hat 2000 Dramen geschrieben – und wird mit werkimmanenter Interpretation allein niemandem verständlich.

Es ist mühsam, diese altmodisch gemachten Bücher zu lesen, in denen Flasche alles zitiert, was in der Hispanistik Rang und Namen hat – nur den Verfasser der besten und umfassendsten spanischen Literaturgeschichte nicht, Juan Luis Alborg. Hätte man das alles nicht auch einfacher haben können, verständlicher geschrieben, gradliniger, meinetwegen pädagogischer, vor allem aber lebendiger.

Zu viel, zu wenig

Dagegen liest sich die "Geschichte der spanischen Literatur vom Kubakrieg bis zu Francos Tod (1898-1975)" von Heinz Willi Wittschier leichter: eine stilistische Wohltat. Wittschier, Professor am Romanischen Seminar der Universität Hamburg, schreibt ein Buch, das 178 Seiten kurz ist. Es handelt sich um eine Einführung in die zeitgenössische spanische Literatur, bewußt gegen unkritisches und betriebsblindes Philologentum verfaßt. Das schmale, übersichtliche Werk weckt Interesse, ist handlich, geschickt mit Photos aufgelockert, verzichtet auf einen bombastischen Anmerkungsapparat. Im Gegensatz zu Flasche, der Sach- und Namensverzeichnis bietet, aber keine Bibliographie, enthält Wittschiers Buch eine ausführliche Literaturliste, aber kein Register. Essayistik und Kritik, bei Flasche auch aus historischen Gründen so gut wie nicht vorhanden, bilden bei Wittschier einen eigenen, angemessen dargestellten Gattungsschwerpunkt.

Wittschier schreibt flott und engagiert, aber manchmal oberflächlich und salopp. So erwähnt er Vicente Aleixandre (geboren 1898) nur in einem kurzen Abspann zum Kapitel "Lyrik" unter jenen Autoren, die zwar berühmt sind, "von deren Arbeiten man aber behaupten kann, daß sie keine echten Alternativen zu den dargestellten Dichtungsmöglichkeiten, sondern höchstens Variationen dazu bedeuten. An dieser Tatsache ändert auch nichts der marktankurbelnde Nobelpreis, den Aleixandre 1977 erhielt!"

Man kann über Aleixandre und seinen Nobelpreis gewiß geteilter Meinung sein; aber dann sollte man, gerade für Leser einer Einführung, mehr als Schlagworte ("marktankurbeln") zur Begründung liefern.

Wenn das der Generationswechsel in der spanischen Literaturwissenschaft ist, sitzt sie – zumindest in Hamburg – zwischen allen Stühlen. Ich wünschte mir einen Wittschier, der so differenziert und gründlich arbeitet wie Flasche.

Hans Flasche: "Geschichte der spanischen Literatur"; Band I (1977), 487 S., 88,– DM (Leinen 115,- DM); Band II (1982), 724 S., 118,-DM (Leinen 148,– DM); beide im Francke Verlag, München.

Heinz Willi Wittschier: "Geschichte der spanischen Literatur vom Kubakrieg bis zu Francos Tod (1898-1975)"; Schäuble Verlag, Rheinfelden, 1982; 178 S., bei Direktbestellung 66,– DM, Ladenpreis 99,– DM.