Professor Hegel spricht, und die Studenten schreiben mit: "Bei den Negern ist nämlich das Charakteristische gerade, daß ihr Bewußtsein noch nicht zur Anschauung irgendeiner festen Objektivität gekommen ist, wie zum Beispiel Gott, Gesetz, bei welcher der Mensch mit seinem Willen wäre und darin die Anschauung seines Wesens hätte." Zu dieser Erkenntnis also "ist der Afrikaner in seiner unterschiedslosen gedrungenen Einheit noch nicht gekommen, wodurch ihm das Wissen von einem absoluten Wesen ... ganz fehlt." Im übrigen sei Afrika das eigentlich "Geschichtslose und Unaufgeschlossene ... an der Schwelle der Weltgeschichte, ... das wir hiermit" (dies an seine Studenten gewandt) "verlassen, um späterhin seiner keine Erwähnung mehr zu tun."

Rund fünfzig Jahre nach dieser Vorlesung Hegels "Über die Philosophie der Geschichte wie sie uns in den Mitschriften der Studenten erhalten ist, gingen die Europäer daran, Afrika endgültig das Tor zur Weltgeschichte zu öffnen, um "die Neger" endlich in den Genuß "der Anschauung einer festen Objektivität, wie zum Beispiel Gott, Gesetz" kommen zu lassen.

Zu diesem vernünftigen Unterfangen, und weil es bei der Aufteilung des Kontinents unter den Europäern Schwierigkeiten gab, lud der schon im Falle diverser Balkankrisen erfolgreiche "ehrliche Makler" Fürst Bismarck zu einem Kongreß ins imperiale Berlin. Vom November 1884 bis zum Februar des darauffolgenden Jahres wurde hier über Zentralafrika, das Land am Kongo und das Gebiet des heutigen Staates Nigeria verhandelt, wurden Einflußsphären abgesteckt, Grenzen gezogen – jene "Berliner Grenzen", die in einem gewissen Sinne heute noch den Kontinent zerteilen.

Die Berliner Kongo-Konferenz von 1884, an die in diesen Tagen mit zahlreichen Veranstaltungen, Filmfestivals, Ausstellungen, Lesungen in Hamburg, Bremen, Berlin, Bayreuth und anderen Städten erinnert wird, ist in der Geschichte der europäischen Diplomatie sicher nicht mehr als eine Marginalie – für die Geschichte Afrikas, die begann, lange bevor in Europa Menschen lebten, war sie von, ja, hier ist das Wort angebracht: schicksalhafter Bedeutung.

Die Europäer spielten Schicksal, kein "Eingeborener" saß mit am hufeisenförmigen Tisch des Berliner Reichskanzleramts in der Wilhelmstraße; dafür in den Nebenräumen die Lobbyisten: die Spekulanten, Goldgräber, Abenteurer, Kolonisatoren. Sie alle wollten ihren Teil, die gekrönten wie die bürgerlichen Schieber, König Leopold von Belgien und Adolph Woermann, Großexporteur von Kartoffelschnaps. Bismarck, persönlich an Kolonien wenig interessiert, spielte den Croupier: Messieurs, faites vos jeux! Den Afrikanern den Weltgeist, Gott und das Gesetz, Europa Ebenholz und Gold, Kautschuk und Kupfer.

Wenn man sich heute, wie das ZEIT-Feuilleton in den Ausgaben dieses Monats, mit der Kultur Schwarzafrikas beschäftigt, mit dem Literatur-, Film-, Musik-Kontinent Afrika, dann immer auf dem Hintergrund dieser Geschichte: Wie hat dieser Kontinent das brutale Regime des Weltgeistes überstanden, wie neue Kraft gefunden, wie neue Wurzeln geschlagen? Die afrikanische Literatur, János Riesz berichtete darüber in der letzten Woche, ist dabei, den kolonialen Schock zu überwinden, ist mit neuen, also: afrikanischen Themen und Formen auf dem Weg in die Weltliteratur.

Wer kannte vor einigen Jahrzehnten hierzulande Pablo Neruda oder Jorge Luis Borges?

Vielleicht schon in wenigen Jahren werden auch in Deutschland Autoren wie Chinua Achebe oder Mariama Bä, deren Bücher im Ausland bereits Millionenauflage erreichen, Schulautoren sein. Nach Jahrhunderten, in denen Menschen weißer Hautfarbe Menschen schwarzer Hautfarbe belehrten und knechteten, ist es nun Zeit für die Weißen, einmal zuzuhören. "Mein Hoffen besteht darin", schreibt Chinua Achebe in seinen ironischen Bemerkungen zu den Hindernissen im Nord-Süd-Dialog, "daß über all der vielen Neugier, mit der der Weiße dem Schwarzen begegnet, eines Tages der Weiße tatsächlich das Zuhören lernt. Mein Bangen: der Weiße hat bisher so viele Schlupflöcher gesucht und gefunden, um Dialog zu simulieren – er wird möglicherweise noch eine Ewigkeit lang so fortfahren. Benedikt Erenz