In Erkenntnis der Bedeutung, die ein authentischer Text des gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher geführten Prozeßverfahrens für die Geschichte besitzt, hat der Internationale Militärgerichtshof eine Veröffentlichung des Prozeßmaterials angeordnet." So begründeten die Alliierten 1948 in einem Vorwort die Herausgabe der gesamten Verhörprotokolle und des Beweismaterials des Nürnberger "Jahrhundertprozesses" in jeweils 23 Bänden. Das Studium dieser zeitgeschichtlichen Dokumentation in staatlichen Archiven war bisher dem privilegierten Interesse der Historiker vorbehalten.

Im Zeichen eines wachsenden Interesses für Zeitgeschichte (und des Konkurrenzdruckes der Vermarktung) machte der Delphin-Verlag die Entdeckung, daß der aufgelöste Militärgerichtshof auch als Herausgeber keinen Rechtsnachfolger besitzt. So sind jetzt die Verhörprotokolle (in denen das Beweismaterial zitiert wird) zusammen mit einem Register (20 000 Stichworte) und einem Zusatzband (Bilder, Biographien) als photomechanischer Nachdruck erschienen:

Ein "Kalkulationswunder" (Börsenblatt) von mehr als 15 000 Seiten (13 Paperbacks in Kassette) für den vorläufigen Ladenpreis von 198,– DM. Da trotz umfangreicher Literatur über den Prozeß diese Dokumentation der Protokolle die einzige Originalquelle darstellt, die in Deutschland zugänglich ist (selbst im Deutschen Rundfunkarchiv existiert keine vollständige Kopie der Tonbandmitschnitte), muß man es dem Verlag als Verdienst anrechnen, auf eine teure Mikrofilm-Edition verzichtet zu haben.

Auch wenn es heute neue Dokumente und Erkenntnisse über die Verbrechen des Nationalsozialismus gibt, ist es beeindruckend nachzulesen, mit welcher Akribie nur wenige Monate nach Kriegsende Anklageschrift und Beweisanträge zusammengestellt wurden. Der Prozeß, der vom 14. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946 dauerte, sollte sich als eine wahre Materialschlacht erweisen. Das Sitzungsprotokoll umfaßte vier Millionen Wörter und füllte 16 000 Seiten. Das Gericht hörte 240 Zeugen und prüfte 300 000 eidesstattliche Erklärungen. Zur Korrektur der Stenogramme wurden die Verhandlungen auf 27 000 Meter Tonband und 7800 Schallplatten mitgeschnitten. Die Fernschreiber der Agenturen tickerten 14 Millionen Wörter in alle Erdteile. Nach 218 Verhandlungstagen wurden zwölf Todesurteile, sieben Freiheitsstrafen und drei Freisprüche bekanntgegeben.

Rein juristisch betrachtet bleibt der Nürnberger Prozeß umstritten. Schon 1946 hatte der amerikanische Senator Robert E. Taft erklärt, daß ein "von Siegern über die Besiegten" geführter Prozeß nicht unparteiisch sein könne. Doch ein bloßer Racheakt mit den Mitteln der Justiz war das Verfahren nicht. Allein die unterschiedlichen politischen Interessen der Siegermächte, die sich in der Blockade des Kontrollrats zeigten, sprachen dagegen. Innerhalb des Militärgerichtshofes prallten auch die Rechtsauffassungen von West und Ost aufeinander. Freiheitsstrafen und gar Freisprüche entsprachen nicht den Vorstellungen der sowjeti-

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sehen Ankläger, die gern nach dem Modell stalinistischer Schauprozesse gearbeitet hätten. Dem britischen Vorsitzenden, Lordrichter Sir Geoffrey Lawrence, brachten sogar die Angeklagten Hochachtung entgegen. Ein Vergleich zwischen seiner souveränen Verhandlungsführung und dem Bild des tobenden Freisler im Volksgerichtshof mußte nachträglich die NS-Justiz beschämen.