Von Siegfried Schober

Wrelcher "Teufel", welcher "Dämon" reitet Norman Mailer? Die Wörter "Teufel" und "Dämon" werden einem von Mailer selbst eingegeben, der mit diesen altertümlichen Geistern seit nun über zehn Jahren seine Prosa spickt? Was ist los mit Mailer? Wie kommt es, daß dieser Schriftsteller, der zu den größten Hoffnungen der Nach-Hemingway-Ära zählte, sich jetzt in endlosen, wirren Beschwörungen des Bösen, Dämonischen und Abnormen verausgabt?

Norman Mailers literarische Höllenfahrt und die radikale Einengung seines Blicks, der nur noch Mörder und abgründige Sexbesessene mit Interesse wahrnehmen zu können scheint, begann bezeichnenderweise Anfang der siebziger Jahre. Bis dahin, vor allem in den sechziger Jahren, brillierte Mailer als provokativer und vielseitiger Zeitkritiker, der zu den prominenten Motoren der Anti-Establishment-Bewegung in Amerika gehörte.

Er war es, der einem unwissenden und verunsicherten Bürgertum die Subkulturen, die Beatniks und Hippies, und den ästhetischen Existentialismus des Undergrounds erklären konnte; er machte die Bürgerrechtsbewegung und das erwachende Selbstbewußtsein der Schwarzen zu seinem Thema; er reflektierte den Vietnamkrieg und beschrieb in "Armeen der Nacht" die Friedensdemonstrationen und die Auseinandersetzungen der Protestierenden mit Regierung, Pentagon und Polizei. Das alles gehört heute der Geschichte an, ist ungeheuer fern gerückt.

In den siebziger Jahren, als der Underground im Drogenrausch versackte und der Protestbewegung die politische Motivation entschwand, standen dann auch viele amerikanische Schriftsteller da, als hätten sie ihren Gegenstand verloren. Das 20. Jahrhundert, meint Norman Mailer, sei eine wenig inspirierende Zeit für Romanschreiber geworden. "Die Gesellschaft formt sich nicht mehr, sie schmückt sich nur noch aus."

Die Folge: "Gleichförmigkeit, Oberflächlichkeit, keine wirkliche Kommunikation, ein Aufder-Stelle-Treten." Und wo die Menschen "als menschliche Wesen verschwinden", wo "nicht mehr viel hinter ihnen steckt", findet der Schriftsteller keine Inhalte mehr.

Diese "existentielle Leere" führt zu Rückschritten der Phantasie in die dunklen Untergründe, wo die letzten Reste des Vitalen zu hausen scheinen. Die Lebensleere gebiert bizarre Chimären voller Gewalt und Sex. Ein Großteil der neueren amerikanischen Romane, die meisten davon Bestseller in den USA, liest sich, als hätten ihre Autoren – Saul Bellow, John Irving, Jerzy Kosinski, William Styron, John Updike – neuerdings hauptsächlich Dr. Krafft-Ebings Psychopathologie der Sexualität, Sacher-Masoch, de Sade und die krudesten Pornomagazine als Inspirationsquellen auf dem Schreibtisch liegen, und ihre Lieblingsorte bei Recherchen scheinen Unterwäscheschubladen und Sittendezernate zu sein.