Von Arnulf Baring

Dies alles ist ein Quellenwerk, ein Steinbruch, aus dem mehr als ein Historiker sich authentisches Material für eigene Schriften herausbrechen wird." Mit diesen Worten wirbt der Verlag sehr aufrichtig um Interessenten, um Käufer. Denn ein Historiker-Steinbruch, politikwissenschaftliches Rohmaterial für Fortgeschrittene, ist in der Tat der Band

Konrad Adenauer. Rhöndorfer Ausgabe: "Teegespräche 1950-1954"; herausgegeben von Rudolf Morsey und Hans-Peter Schwarz im Auftrag der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, bearbeitet von Hanns Jürgen Küsters; Siedler Verlag, Berlin 1984; 848 S., Leinen 78,– DM, Leder 178,– DM.

Wie gesagt: ein Werk für Eingeweihte, für Spezialisten. Eine breitere Öffentlichkeit wird mit diesem Buch nicht viel anfangen können. Denn ohne Vorwissen ist es kaum brauchbar. Wer keine zeitgeschichtliche Handbibliothek zur Seite hat, muß hier passen, kann einpacken. Als Laie kann man solche Sachen nicht lesen.

Das war bei Adenauers Briefen, von denen im Rahmen der Rhöndorfer Ausgabe, also im selben Verlag, bereits zwei Bände für die Jahre 1945 bis 1949 erschienen sind, ganz anders. Auch dort war einiges störend. Beispielsweise fehlten die Schreiben der Briefpartner, so daß man sich oft den Zusammenhang, die Situation, aus den Anmerkungen bruchstückhaft zusammenklauben mußte. Aber das verschlug nichts angesichts der großen Entdeckung, die wider Erwarten der Briefschreiber Adenauer war; meisterhaft beherrschte er diese heute fast in Vergessenheit geratene Kunst. Von seinem Briefstil konnte sich jeder Leser etwas abgucken: wie man, wann man sich andern zu nähern vermag, dabei vorankommt, energisch und beschwingt, wie man beharrlich und gleichzeitig behutsam seinen Zielen zustrebt, sich durchsetzt, imponiert und lockt – im Politischen, im Privaten. Erfrischend offen ließ er genau wissen, was er wollte, gab Wege an, nannte Namen, scheute sich nicht vor drastischen Urteilen – über Sachverhalte, über Personen.

Gerade brieflich besaß Adenauer eine breite Palette verschiedenster Ausdrucksformen; vernichtende Objektivität stand ihm ebenso zu Gebote wie persönliche Wärme, ja einfühlsame Herzlichkeit. Er konnte genauso gut einschüchtern, sein Gegenüber Punkt für Punkt festnageln, wie charmant anderen schmeicheln. Alles übrigens immer ganz knapp. Adenauer war schriftlich sparsam: kein Wort zuviel. Niemals unterliefen ihm undurchdachte Floskeln. Stets war der Sinn seiner Formulierungen klar. Er ließ sich nie Verschwommenheiten durchgehen. Man wußte immer, was er wollte. Keiner mußte je rätseln, was Adenauer wohl gemeint haben könnte.

Daran gemessen, vermitteln jetzt die Hintergrundgespräche und Sonder-Interviews nur ein schattenhaftes Bild des ersten Bundeskanzlers. Ihre Aufzeichnungen erreichen die Qualität, die Dichte der Briefe fast nirgendwo. Woran liegt das? Gespräche sind nun einmal bei allen Menschen weitschweifiger, unpräziser – auch bei Adenauer. Dies war einer der Gründe, aus denen er bei Konflikten beiderseits auf schriftlichen Darlegungen bestand. In wirklich wichtigen Angelegenheiten, meinte er 1955 einem führenden Repräsentanten der Union und engen Mitarbeiter gegenüber, müsse man eine vollkommene Klärung auf schriftlichem Wege herbeiführen. "Es bleibt zu leicht, wenn man sich nur mündlich bespricht, etwas im unklaren."