Ob wir verhungern oder beim Spenden sterben, ist doch egal". So lautet die fatale Erkenntnis eines jungen Brasilianers. Er glaubt, durch den Verkauf eines Teils seines Körpers den angezapften Rest länger am Leben halten zu können.

Der Mann mit dem hohen Gesundheitsrisiko für die vage Hoffnung auf eine größere Überlebenschance in seiner favela ist kommerzieller Spender von Blutplasma, einer von Hunderttausenden in der sogenannten Dritten Welt und in der lowest class der Vereinigten Staaten. Zweimal wöchentlich hängen sie an der Nadel und lassen für ein paar Dollar gut einen halben Liter ihres Lebenssaftes zentrifugieren: Die roten Blutkörperchen bekommen sie zurückinjiziert, die andere Hälfte – Gerinnungsstoffe, verschiedene Eiweißsubstanzen und Immunglobuline – ist ein heißbegehrter Rohstoff der Pharmaindustrie. Sie, die multinationalen Blutwirtschaftler, deren Bilanzen durch den roten Saft schwarz gefärbt werden können, sind denn auch die Angeklagten des ganz in blutrot gehaltenen Buches

Gerd Fätkenheuer (Hrsgb.): "Bluternte – das Blut der Armen für die Wohlfahrt der Reichen"; rororo-aktuell 5341, Reinbek, 1984; 278 Seiten, 12,80 DM.

Die Fakten machen betroffen: dort die vielen Spender, die unter oft unhygienischen Bedingungen ihren Lebenssaft viel zu oft verkaufen, und hier die große Koalition der Nutznießer, nämlich

  • die Industrienationen im allgemeinen mit ihrem ungeheuren Bedarf an Plasma-Medikamenten etwa für Bluterkranke (die bundesdeutsche Pharmabranche zum Beispiel hat einen jährlichen Umsatz an Plasmaprodukten von über einer halben Milliarde Mark), aber auch
  • besorgte Touristen, die sich vorsorglich Humanblutstoffe gegen Hepatitis spritzen lassen, damit sie gerade in den fernen Ländern, deren Ärmste für sie am Schlauch gehangen haben, nicht angesteckt werden.

Dabei läßt sich der Plasmabedarf auch nichtkommerziell decken. Holland etwa bezieht sein Plasma zu 90 Prozent aus unentgeltlichen Spenden im eigenen Land. Die Bundesrepublik, der größte Pro-Kopf-Plasmaverbraucher der Welt, importiert 90 Prozent.

"Bluternte" läßt zahlreiche der "Abgeernteten" zu Wort kommen. Schlicht und sachlich schildern sie ihre Erfahrungen, ihre Zwangslage. Die Zitate sprechen für sich, und die Autoren haben vernünftigerweise auf Moralpredigten verzichtet und die Wortschatztruhe des Vampirismus weitgehend geschlossen gehalten (selbst der scheinbar polemische Titel ist nichts als die Übersetzung einer amerikanischen Plasmawerbeanzeige).