Von Peter Burri

Ein Virus geht um, hartnäckigster Art – in Form einer altrosafarbenen Suhrkamp-Broschur, die exakt in den Maßen der ihrer Zeit pappgrau vorgelegten "Ästhetik des Widerstands" gehalten ist. Und auch dieses neue, aus der Verlagsreihe tanzende Buch ist Zeugnis einer solchen, so rosa sie auch zunächst mit dem Leser flirtet. Nach Jürg Laederachs letztem, randvoll mit Text bepacktem Hardcover "Das Buch der Klagen" (1980) nun ein zwar dickeres, doch geschmeidiges Blätter- und Lesebuch, dessen Deckblatt auf eine gesonderte Autorenzeile verzichtet und auch den Verlagsnamen gleich in die poppige Titelschrift integriert. Es heißt, in Mini-Aboildung zwei aneinandergeschmiegte Saxophone mitführend, augenfällig und bündig: "Laederachs 69 Arten den Blues zu spielen Suhrkamp".

Die (sogenannte) Titelgeschichte ist genau zehn Zeilen lang und kommt auf Seite 406 des 434 Textseiten dicken Bandes, kommt exquisit nicht als 69. der insgesamt 74 Geschichten, sondern als siebzigste. Bei Jürg Laederach ist alles leicht verschoben – oder mittelschwer havariert, mögen andere vielleicht sagen; Laederachs Dampfer trägt, ich wette, den Namen "Ultima Ratio und hat sich als Geisterschiff zum Ziel gemacht, gerade mit seinen Lecks auf See zu bleiben: in den Wellentälern und auf den Gischtwogen unserer zivilisationsverdreckten Wasser und bewußtlosen Lande. Nicht einfach, mitwogend aber, sondern die Schleusen öffnend für was da vorgeht.

Das zieht hinunter, dann prustet man sich als Leser wieder hoch, sieht wieder klar: "Wiffie saß verkehrt auf der Bank, hielt die Beine die Rücklehne hoch; das war noch gar nichts; neben uns saß ein malaysianischer Yogi, der stand geradewegs und immer auf dem Kopf und leckte langsam an einem roten Eis" ("Wiffie aus Polen, jetzt New York").

Aber nicht nur ein Yogi steht Kopf. In der (sogenannten) Titelgeschichte heißt es: "Man hackte ihm mit spitzen Eisen zwei Kerben in die Schläfen. Dann wurde er auf den Kopf gestellt. Ein lackiertes Brett hielt ihn, während seine Füße auf Widerlagern ruhten. Man ging essen und ließ ihn in Lage." Und nicht genug: "Man" zieht "ihn" dann noch mit einer Zange "hinunter", und, Ende schlimm, alles klar: "Sie kamen vom Essen und schoben den Boden drüber."

Wilhelm Hauff singt den Blues dieser Tage. So etwa müßte man sich den Kopf zurechtrücken, geht man die neuen Texte des panchromatischen, also für alle Farben empfindlichen, und in aller Bedeutung des Wortes einsamen Erzählers Jürg Laederach, sie bloß einmal blätternd, an. Blues wird "abends in der Einsamkeit der Hütten gesungen, als ein innerer Monolog". So definierten Carles und Comolli in ihrem Buch "Free Jazz/Black Power", was den Blues bei seinem Aufkommen vom Spiritual unterschied. Daß der Blues "in der Einzahl gesungen wird, von einem Individuum, das sich selber zum Gegenstand seines Gesangs macht" (so dieselben Autoren), dieses Rezept für romantische Trauerarbeit wirft Laederach aber gleich über den Haufen. Zwar ist es in der Mehrzahl seiner Texte ein Ich, dem mitgespielt wird. Doch das Ich ist immer ein anderer.

Mit seinen Ichs, aber auch mit den übrigen Figuren, setzt Laederach zu einer Enzyklopädie der schrägen Situationen an, spinnt Geschichten in Form von aberwitzigen Begebenheiten, die "tiefinnerst" – ein mehrmals auftauchendes Laederach-Wort – auf die beschädigte und bedrohte Gegenwart verweisen. Die "Bitte Note" als Kunst des literarischen Widerklangs. (Der Blues verweigerte, verweigert sich der "westlichen" Form von "Reinheit", die hegelianisch fordert, daß Reinheit ein auf- und überhaupt geklärtes Ebenmaß der Schöpfung sei, so man sich diese vorstellte. Nichtsdestotrotz – man darf dieses fürchterlich klingende, trotzige Wort im Hinblick auf Laederach anbringen – nichtsdestotrotz wurde der Blues auf englisch gesungen, in der Herrschaftssprache also, sie aber zwecks Veränderung vereinnahmend.)