Hommage für das Mädchen mit den Schwefelhölzern

In Weihnachtserzählungen sei es von alt her üblich, arme Knaben und Mädchen erfrieren zu lassen, um reicher Leute Kinder an standesgemäße Wohlfahrt und Milde zum Christfest zu erinnern, schreibt Gorki voller Spott und entlarvt eine Vielzahl von Rührgeschichten als moralische Ertüchtigungsliteratur für Söhne und Töchter gebildeter Stände. Wir wissen nicht, ob er mit dieser Kritik auch Andersens Märchen vom kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzchen hat treffen wollen oder nur die zahllosen schlechten Epigonen.

Nun also gibt es von Friedrich Hechelmann ein Bildermärchen, das den Motiven Andersens folgt, gleichwohl höchst eigen-sinnig, in sanfter Beharrlichkeit und betörend schönen Farbtafeln Philistern und Frömmlern den Spiegel vorhält.

Es ist die Geschichte des Findelkindes Marie, das in zärtlicher Obhut einer sehr alten Frau aufwächst. Maries Kindheit im Hause der Zieh-Großmutter ist geborgen, friedlich, heiter. Hechelmanns Bilder vermitteln das innige Verstehen zwischen der liebevollen Greisin und dem Mädchen, die Stille, Wärme und Ruhe des alten Hauses. Und mit derselben Intensität beschreibt er die dunkle Ahnung des Kindes vom Tod der geliebten Alten: das uralt runzelige Gesicht, vom weißen Häubchen gerahmt, liegt im Kissen vergraben, während der Doktor die Hand der Großmutter hält. Und Marie steht steif vor Schrecken in der Tür, beobachtet stumm und angstvoll die beiden alten Menschen. Am Weihnachtsnachmittag ist die Großmutter so fest eingeschlafen, daß sie nicht wach werden will. Marie stürzt hinaus in die Dämmerung und Kälte, zur Stadt, will den Doktor holen. Hastet durch tiefen, blau schimmernden Schnee, irrt durch Straßen, folgt schließlich dem Menschenstrom, der zur Kathedrale drängt. Bevor Marie das gleißend schöne Licht aus dem Portal des gotischen Domes erreicht hat, schließt sich die prachtvolle Pforte. Da preßt sich das Kind zitternd vor Kälte in eine Nische der Kathedrale und erlebt im Schein der aufglimmenden Schwefelhölzer einen Reigen unerhört schöner Traumbilder:-Wälder aus Lichtblüten, perlmuttschimmernde Teiche, in grünes Gold getauchte Baumgruppen am Ufer murmelnder, gleißender Wasser, das große, schöne Zimmer des alten Hauses, zugewachsen mit Sternenblumen, sanfte, dämmernde Landschaften, wie mit Samt bedeckt, und immer wieder darin: das Bild der toten Großmutter in Schleiern aus Licht. Die Todesphantasien des kleinen Mädchens steigern sich bis zu jenem Schlußbild, das aufgeht in lasurblauer Luft, stillen Bergen aus Wolken und Eisfeldern aus Licht. Landschaft wird zum Behältnis einer Seelenstimmung, und Hechelmann, dieser "neupoetische" Maler, ganz im Sinne der Romantiker empfindend, zeigt die Seelenbilder der Natur: Malend erklärt er den Tod als eine Befreiung aus den Schrecken der Realität. Eine fast todessüchtige Schönheit ist in diesen Traumvisionen beschlossen. Und immer wieder: Blumen und Sterne – uralte Symbole der Romantiker – die Hechelmanns feenhaft-unwirkliche Bildräume füllen.

Die handwerklichen Wunderkünste des Lieblingsschülers von Rudolf Hausner wagen sich vor bis an die Grenze des gefühlhaft Möglichen, das sich ein nüchterner Betrachter noch gestatten mag. Verwegene Komposition, meisterhafte Behandlung. Hechelmann scheint sich an Runge zu. halten: "... wenn die Sonne sinkt, und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten ..."

Über dem ästhetischen Rausch vergißt der Künstler keineswegs Realität: Aus der Wolken-Perspektive sehen wir im letzten Bild den weißen Flockenhügel, erkennen die Umrisse des Püppchens, während das Kind unterm Schnee erfroren ist. Direkt neben dem Portal der Kathedrale, in der die "Frommen" gerade lautstark die endlose Litanei ihrer Gebete absingen.

Fast drei Jahre lang hat Hechelmann sich mit den Figuren, Bildkompositionen und der filmischen Dramaturgie dieser Geschichte befaßt. Die Fernsehadaption dieses Märchens (Ausstrahlung: 26. Dezember 1984) ist einzigartig in der Verknüpfung ästhetischer Konsequenz mit den raffinierten Mitteln modernster Elektronik.