Er ist 68er. Er leugnet sein Elitebewußtsein sogar vor sich selbst und demonstriert überall die emanzipatorische Sicht. Er besetzt, ob am Behördenschreibtisch oder im Kreisbüro der SPD, ständig Inhalte mit Begriffen, und er trägt nur wegen seines Amtes einen Schlips. Doch wie oft muß er sich jetzt fragen, warum trotz allem gewisse Entwicklungen nicht nur an ihm, sondern auch an seiner Partei vorbeigelaufen sind, wo er einen Teil der Basis zusammenhält; denn argumentiert er mit den Genossen, klopfen stets die Grünen ans Fenster.

Aus emanzipatorischer Sicht ist das ja mehr oder weniger schon 1968 konzipiert worden, was die da draußen bewegt, und auch seine Partei hörte rechtzeitig die Signale. Doch die anderen sind auf dem Weg nach oben. Sie setzen für ihre Konfliktbereitschaft auch die eigene Existenz aufs Spiel, manchem ist ein Brotbeutel gerade groß genug fürs Eigentum, und Talare flattern in ihren Reihen, ja, Gott befohlen. Den, so verkündet er inzwischen, hätte man 1968 bereits stärker einbinden sollen, aber nicht in Bausch und Bogen.

Und er da, im Kreisbüro, möchte auch jeden Tag mit Aufklebern auf die Straße rennen und laut "Hier" und "Halt" rufen und diskutieren. Zu seiner Lieblingsbeschäftigung kommt er allerdings nur noch selten, denn diese lockere Gruppe schneidet ihm sofort das Wort ab, liest monoton Stichworte aus ihrem Forderungskatalog vor und reißt daran sein Versagen. Fürchtet sie sich davor, noch mehr Inhalte, als die Apo es verstand, mit Begriffen zu besetzen? Sollen angstversessene Aussteiger, Rentner und Hausfrauen und Mütter noch sprachloser gemacht werden?

Das erprobte Kampfmittel der aufmüpfigen Propheten ist das Gemüt. Zärtlich blicken sie in den Himmel und auf die Erde und auf ihren Nächsten. Verlangten einst er und seine Partei nicht auch eine schmerzlose Gesellschaft und versuchten, die Schmerzen wenigstens erst einmal umzuverteilen? Doch die da draußen gehen aufs Ganze. Kein Marsch durch die Institutionen, vielmehr: Ohne Tritt marsch. Hat man die 68er und die SPD bestohlen, oder ergeht es ihr wie allen Tummelplätzen, wo es immer schwierig ist, für Einverständnis und Bereinigung zu sorgen?

Und räumt er abends das Parteibüro und sitzt in seinem Eigenheim, fährt er sich nachdenklich übers Kinn. Vermißt er seinen Bart, oder treibt er Denkmalspflege?