Der Ruf nach der Guillotine oder wie in Frankreich mit Leichen Politik gemacht wird

Von Roger de Weck

Paris

Am frühen Nachmittag fanden sich Hunderte von Rentnerinnen und Rentnern im Rathaus des 18. Arrondissement ein. Roger Chinaud, der konservative Bürgermeister jenes Pariser Stadtbezirks nördlich von Pigalle, hatte sie zu einer "Informationsveranstaltung" geladen. Und sie waren in Scharen erschienen, die rüstigen und die anderen, die an ihren Stöcken gingen. Viele hatte es gewaltige Anstrengungen gekostet, von Montmartre her treppauf, treppab bis zum Bürgermeisteramt an der Place Jules Joffrin vorzustoßen. Der Hausherr Chinaud hatte zweihundert Leute erwartet – es waren weit über zweitausend gekommen.

Die Angst hatte sie getrieben, die Angst machte ihnen Beine: Seit Anfang Oktober sind im 18. Arrondissement und Umgebung neun alte Damen in ihrer Wohnung überfallen, geknebelt, gefoltert und umgebracht worden. Germaine Cohen, 70 Jahre alt, Anna Barbier, 83, Suzanne Foucault, 89, Iona Seigaresco, 71, Alice Benaim, 84, Marie Choy, 80, Maria Mico-Diaz, 75, Paule Victor, 77, und schließlich Jeanne Laurent als bislang letztes Opfer eines abscheulichen Raubmörders – sie sind tot. Drei andere Frauen kamen mit dem Schrecken davon. Nun fahnden neunzig Krimialbeamte nach dem Täter, der meist bei Vollmond zuschlägt. In der Kaskade von Straßen und Gassen, die vom Sacré Coeur hinabführen, patrouilliert Tag und Nacht eine Hundertschaft von "Friedenshütern", wie in Frankreich die Polizisten bezeichnet werden.

Rassistische Vorurteile

Doch wird in Montmartre der Frieden nicht so bald wieder einkehren. Im bejahrten Publikum hielt mancher die Hand am Ohr, als Bürgermeister Chinaud Hilfe versprach – bis hin zum kostenlosen Einbau von Gucklöchern in die Wohnungstüren, bis hin zur Anwerbung von fünfzehn Leibwächtern für alte Leute, die ungefährdet bei der Bank oder beim Postamt Geld abheben möchten. Aber die Sorge, ja hie und da der Zorn, wichen nicht von den faltigen Gesichtern: "Wir wollen, daß an der Place Jules Joffrin die Guillotine aufgestellt wird", sagte einer. Nur mit der Forderung nach Wiedereinfühung des Fallbeils hätte der Bürgermeister die Alten doch noch zufriedenstellen können.