Hamburg

Kirchen sind öffentliche Gebäude, die Polizisten auch ohne richterlichen Durchsuchungsbefehl betreten können. Juristisch falsch war diese Erklärung der Hamburger Innenbehörde sicher nicht; sie war nur die Rechtfertigung einer politischen Torheit. Susan Alviola, 28jährige Philippinin, war aus ihrem "Asyl", dem Kirchenraum der Sankt-Stephanus-Gemeinde, gezerrt, zum Flughafen spediert und in ihr Heimatland abgeschoben worden, zusammen mit ihren beiden Kindern. "Mutter schwer erkrankt", hat die 14jährige Clarizze jetzt an Freunde in Hamburg telegraphiert. Deutsch konnte sie nach drei Jahren bei uns fehlerlos und fast akzentfrei; bis zum Abitur lernen und dann studieren wollte sie. Ein Kind, das mit elf Jahren nach Deutschland kommt und mit vierzehn soviel gelernt hat wie Clarizze Alviola, widerlegt Vorurteile über die mangelnde Integrationsfähigkeit älterer Ausländer-Kinder. Clarizzes Integration aber ist unterbrochen – jäh, gewaltsam und von Staats wegen. Ihr Vater hat den falschen Arbeitsplatz.

Als im Sommer irakische Raketen ein Schiff der Reederei Seetrans trafen, sprachen Zeitungen von der Beschädigung eines Hamburger Schiffes im Golfkrieg, wurden Bonner Diplomaten wegen des Schadens an deutschem Eigentum vorstellig, obgleich das Schiff unter iranischer Flagge fuhr. Dagegen ist das Schwesterschiff des Kriegsopfers, die "Irar Havan", kein deutsches Eigentum – meint die Hamburger Ausländerbehörde.

Emilio Alviola, philippinischer Seeoffizier, arbeitet auf der "Irar Havan". Susan, seine Frau, wollte in Hamburg leben, weil ihr Mann schon seit 1972 für deutsche Reeder fuhr und nach Hamburg zwar nur selten kam, nach Manila aber gar nicht mehr. 1981 flog Frau Alviola mit ihren beiden Kindern nach Deutschland, nachdem sie auf der deutschen Botschaft erfahren hatte – so bekundete sie später vor Gericht –, sie dürfe durchaus in Deutschland wohnen; es reiche, wenn sie nach ihrer Einreise zum Immigration office gehe. Die Botschaft in Manila dementiert Susan Alviolas eidesstattliche Erklärung nicht, bekennt sich aber auch nicht zu einem ausländerrechtlichen fauxpas.

Denn ausländische Seeleute, die unter deutscher Flagge über die Meere fahren, haben keineswegs die Rechtsstellung gewöhnlicher ausländischer Arbeiter, die ihre Familien in die Bundesrepublik mitnehmen dürfen; Ausländer, die für deutsche Reeder arbeiten, aber unter billiger Flagge Dienst tun, erst recht nicht. Die ausländischen Seeleute haben keine Aufenthaltsgenehmigung, sondern das Seemannsbuch, ein staatliches Dokument, das ihnen den Aufenthalt an Land erlaubt. Ehefrauen und Kinder haben natürlich kein Seemannsbuch und bekommen darum eine Aufenthaltsgenehmigung – oder auch nicht, wenn die Furcht vor einer überschwappenden Einwanderungswelle exotischer Seemannsfrauen die Ausländerpolitik leitet, wie es gerade in Hamburg lange Zeit war.

Die Freie und Hansestadt hat seit kurzem eine "Seemannsfamilienregelung", liberaler als die ältere, ungeschriebene Regel. Frauen und Kinder unter 16 Jahren dürfen jetzt bleiben, wenn der Familienvater seit drei Jahren auf einem deutschen Schiff fährt und regelmäßig deutsche Häfen anläuft. Die Alviolas hatten nichts davon: Emilio Alviola fährt unter iranischer Flagge zwischen dem Golf und Lateinamerika, und seine früheren Arbeitsverhältnisse auf regelrecht deutschen Schiffen dauerten nie drei Jahre; der philippinische Schiffsingenieur war immer wieder einmal arbeitslos. Muß Frau Alviola darum in Manila statt in Hamburg wohnen oder schwarz verschleiert in einem iranischen Seehafen auf den Mann warten?

Hamburgs Innensenator Rolf Lange bekennt sich immer wieder zum Prinzip einer konsequenten Ausländerpolitik – so konsequent, daß Ausnahmen, gnädige Würdigungen einzelner Fälle ausgeschlossen sind; selbst wenn die Polizei darum in einen sakralen Raum einbrechen muß. Daß Susan Alviola, die immer wieder ihre katholische Gläubigkeit herauskehrte, Schutz im protestantisch-alternativen Milieu gefunden hatte, mag ihre Chancen noch verschlechtert haben: Die Staatsgewalt wollte beweisen, daß die Kirche kein "rechtsfreier Raum" ist. Und daß Susan Alviola zur Cause célèbre Hamburger Ausländergruppen geworden ist, daß sie Selbstbewußtsein im Gespräch mit Beamten, Politikern und Journalisten bewies – auf englisch mit verwaltungsdeutschen Einschüben: "Then we lost the Eilverfahren" – hat ihr keine Sympathie bei den Beamten eingebracht.