Die Bilder von Diane Arbus haben bereits Photogeschichte gemacht. Und als die Bilder noch neu waren, 1967, als Diane Arbus noch lebte, da sorgten sie auch bei denen für Aufregung, die Photographien normalerweise nur im Vorübergehen wahrnahmen. Das jetzt in Deutsch vorliegende Buch erschien 1972 in New York und war innerhalb kürzester Zeit jenseits wie diesseits des Atlantik Faszinationsobjekt für viele Betrachter. Das wirkt auch heute noch so, obwohl so viel verflossene Zeit für einen aktuellen Beitrag fast immer auch Relativierung bedeutet. Was also bewirkt die bis heute nachwirkende Aktualität? Eine (mögliche) Antwort gab Diane Arbus selbst, sie ist als letzter Satz abgedruckt in dem Vortext zu den Bildern: das, wovon (ein Bild) handelt, ist immer bemerkenswerter als das, was es ist. Ich finde, daß ich, was die besondere Eigenart und Qualität von Dingen angeht, ein bißchen vorn liege. Ich meine, es ist sehr subttil... ich glaube wirklich, daß es Dinge gibt, die niemand sehen würde, wenn ich sie nicht photographierte." Diane Arbus wollte also Bilder machen von bemerkenswerten Zuständen der Menschen. Das gelang. Was sie vorzeigt, kann Grauen erregen oder Mitgefühl oder Wiedererkennen von Überseherein. Niemand vor ihr hat so brutal lauter letzte Bilder festgehalten. Das, was man im Sinn hat mit dem Begriff der dokumentarischen Photographie, hat sie für sich zertrümmert und als Neues (in diesem Fall mit künstlerischer Freiheit) wieder gefügt zu einem Schreckensbild der ablaufenden Zeit.

N. D.