Ihr fünfunddreißigjähriges Bestehen feierte die DDR mit vielen kulturellen Extras, deren bedeutendstes gewiß – und das ist nicht ohne Delikatesse – die Neueröffnung des einst vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. in Auftrag gegebenen und von Schinkel erbauten Schauspielhauses in Ost-Berlin war. Aber damit nicht genug der rückwärts dekorierten Feiern.

Im Alten Museum, auch dies ein Schinkel-Bau, wurde eine Retrospektivausstellung eröffnet, deren Ziel darin besteht, "die soziale und politische Kraft der Arbeiterklasse, die unter Führung ihrer revolutionären Partei den Weg des sozialistischen Aufbaus beschritten hat...", zu zeigen, so jedenfalls umreißen DDR-Kulturminister Hoffmann und der Präsident des Künstlerverbandes der DDR, der Maler Willi Sitte, die Absicht dieses Unternehmens im Katalog-Vorwort.

Das nun zu betrachtende Ergebnis ist interessant, wenn man die tatsächliche Vielfalt der Kunst kennt, die in der DDR von den dort lebenden Künstlern gemacht wird. Es ist wichtig zu wissen, daß und vor allem was in der Ausstellung im Alten Museum weggelassen wurde. Die Ausstellung mit dem Titel "Alltag und Epoche. Werke bildender Kunst der DDR aus fünfunddreißig Jahren" ist in sieben Abschnitte gegliedert. Vor dem Museum bildet "Plastik im Freien" das als "Prolog" ausgewiesene Kapitel. Bewährtes wird hier gezeigt: Ludwig Engelhardts "Lesender Arbeiter" Walter Arnolds weiblicher Akt "Inge" (1949), Fritz Cremers Betroffenheit auslösende "Trauernde" (1947) oder Wieland Försters "Großer schreitender Mann" (1969). Freilich wäre der Platz vor dem im 2. Weltkrieg völlig zerstörten und mit großem Können restaurierten Alten Museum der denkbar geeignetste Ort gewesen, eines der wichtigsten Werke der neueren Plastik der DDR zu zeigen: das schon von dem renommierten DDR-Kunsthistoriker Peter Feist auf der letzten Dresdner Kunstausstellung vermißte Environment "Nie wieder Krieg. (Schützenkette)" der drei jungen Berliner Bildhauer Anatol Erdmann, Stefan Reichmann und Hans-Jürgen Scheib. Eines der wichtigsten Werke staatlich unabhängigen, individualen Friedensengagements der jungen Generation in der DDR.

Im Museum wird die Ausstellung dann mit dem Kapitel "Landschaft" eröffnet. Man assoziiert damit sofort Umwelt, Umweltschutz, Industrialisierung. In der DDR heißt das konkret Halle, Leuna, Merseburg: "Plaste und Elaste aus Schkopau" – jeder Transitfahrer kennt die Schrift und den sehr einprägsamen Geruch der Landschaft dort. Doch eben dieser Alltag wird in der Ausstellung nicht reflektiert. Vielmehr wird eine romantische Dorfstraße gezeigt (Theodor Rosenbauer, Dorfstraße mit Gänsen, 1964), ein schön-verträumter Künstlergarten (Paul Wilhelm, Der Blumengarten des Künstlers, 1952) oder Ronald Paris heroisches Aufbaubild "Regenbogen über dem Marx-Engels-Platz" (1962). Nur Ursula Mattheuer-Neustädts Zeichnung "Verwundete Landschaft" aus dem Jahre 1975 oder Uwe Pfeifers Ölgemälde "Abgerissener Drachen" (1976) sind spärliche Hinweise auf den Umstand, daß auch die sozialistische Industrialisierung nicht ohne negative Spuren vonstatten ging.

Im Kapitel "Epoche" geht es, wie kaum anders zu erwarten, heroisch zu. "Das Bedürfnis der neuen herrschenden Klasse nach Bildern, in denen sie sich selbst erkennen und sich anderen darstellen wollte", wie es im Katalog heißt, findet hier deutlich Ausdruck. Das Herrscherbild im sozialistischen Realismus, so könnte eine Überschrift lauten, und nicht zu Unrecht wird im Katalogtext darauf verwiesen, daß zum Beispiel Otto Nagels "Maurerlehrling" die Pose einnimmt, "in der sich sonst Fürsten malen ließen". Willi Sittes "Der Rufer" (1964), der die Wahrheiten des "Neuen Deutschland" verkündet, steht hier im Zentrum. Horst Strempels "Plandiskussion" (1949), Tübkes Arbeitergruppenbild (1972) oder Sittes "Im Leichtmetallwerk" (1977) bezeugen die Art und Weise, wie die neuen Herrscher gesehen werden wollten; zugleich aber auch, wie sehr mittels derartiger Kunst die Betrachter manipuliert werden sollten: indem nämlich der einfache Mann in Herrscherpose gezeigt wurde, wollte man ihm Glauben machen, er, Kollege und Arbeiter, übe die Macht aus, was im realen Sozialismus ja durchaus nicht der Fall ist.

Besondere Aufmerksamkeit verdient aber Christa Böhmes "Selbstbildnis" von 1973. Die Künstlerin zeigt sich als nahezu gesichtsloses Etwas; nur mit Mühe sind Augen, Nase und Mund zu erkennen – soll hier die Normierung und Gleichschaltung im realen Sozialismus verdeutlicht werden? Der Satz im Katalogtext: "Dieses aufreibende Bemühen, im Bildstoff aus der Realität das eigene Wirklichkeitsverständnis zu gestalten, macht unsere Kunst so bedeutungsgeladen..." kommt eihem hier in den Sinn, sicher nicht ganz zufällig.

"Alltag" heißt dann das letzte Kapitel dieser Ausstellung. Da begegnet man Sieghard Gilles "Brigadefeier", einst heiß umstrittenes Werk auf der VIII. Kunstausstellung der DDR in Dresden, nun aber wohl integriert in die kulturpolitische Szenerie. Von Heidrun Hegewald wurde ein herziges Kinderbildnis in die Ausstellung aufgenommen, und man fragt sich, warum denn andere Bilder dieser Malerin, die in ihren Arbeiten etwa Spannungen in der Familie oder Probleme der Frauen sehr präzise mit Betroffenheit darzustellen vermag, nicht gezeigt werden. Oder Mattheuers "Die Ausgezeichnete – immerhin im Besitz der Ost-Berliner Nationalgalerie – in der die Vereinsamung des alten Menschen in der "menschlichen" Gesellschaft des realen Sozialismus drastisch vor Augen geführt wird, vermißt man hier sehr. Andeutungsweise verrät Uwe Pfeifen "Auf der Fußgängerbrücke" (1974) etwas von der Uniformität und Bedrückung, die sozialistische Neubaustädte mit den kapitalistischen gemeinsam haben.