Der Anfang und das Ende aller Schrecken ist Liebe. Mag die Erde ein Jammertal sein – das Theater (genau wie die Kirche) entläßt sein Publikum nie ohne Trost. Gerade die schrecklichsten, die unmoralischsten Stücke sind am Ende oftmals die tröstlichsten, die mit der dicksten Moral. Gleich hinter dem Bordell beginnt die Straße nach Damaskus.

Die Griechen erfanden die Katharsis, die Christen das Fegefeuer. Shakespeare der Barbar läßt am Ende über den Schlachtfeldern und Leichenbergen kurz die Sonne aufgehen, ein neues, angeblich friedliches Zeitalter beginnt. Goethes Gretchen wird gerichtet, aber dann natürlich doch gerettet. Auf dem Theater folgt auf jede Verdammnis die Himmelfahrt – da ist es der Welt, die es abbildet, weit voraus.

Das bürgerliche Drama (mitsamt seinem Wurmfortsatz: der Boulevardkomödie) erzählt die alten Erlösungsmythen unverdrossen weiter. Man mache den Versuch und lese von den berühmten Schreckenstexten jeweils nur die letzte Seite – statt der Posaunen des Jüngsten Gerichts hört man immerzu die Orgel brausen, statt in die Hölle gerät man in Gottesdienst und Liebesfeier.

Ob es das Finale von Strindbergs "Totentanz" ist, von Walsers "Zimmerschlacht" oder Albees "Virginia Woolf" – zuletzt ist immer Waffenstillstand oder gar Frieden, herrscht stille Rührung oder lärmender Kitsch. Der Haß, so lernen wir ergriffen, ist nur die Nachtseite der Liebe.

Selbst Thomas Bernhard, der Großmeister der Verdammung und des virtuosen Wutgeheuls, fällt am Ende seines grandiosen Theater-Romans und Haß-Gesangs "Holzfällen. Eine Erregung" andächtig auf die Knie. Das verhaßte Wien ist nun plötzlich, im letzten Moment, das "beste Wien", aus den verfluchten Menschen sind plötzlich die geliebten Menschen geworden.

Am Ende (so will es das Klischee, weil unsere Rührseligkeit es so will) sind die Dämonen vertrieben. Wohlgeruch liegt über der Szene: Weihrauch statt Pech und Schwefel, Kot und Urin.

Ein Mann wird gekreuzigt, zweihundert Kerzenlichter flackern, eine weiße Taube fliegt durch den Raum. So endet das Stück "Dämonen" des schwedischen Autors Lars Noren. Ein metaphysisches Boulevardstück – inszeniert von Claus Peymann am Bochumer Schauspielhaus.