Von Paul Noack

Illustrierte Zeitschriften pflegen ihrer Leserschaft von Zeit zu Zeit mitzuteilen, welche Modetrends "in" und welche "out" seien. Betrachtet man die Herbstproduktion, so darf man feststellen, daß Neutralismus, Neutralität, Bündnisfreiheit auf dem Buchmarkt derzeit zweifellos "in" sind. Die Gründe, warum dem so ist, müssen nicht erst erörtert werden – jedenfalls hat die Sehnsucht nach der europäischen "Identität" etwas mit der Überrüstung der Weltmächte zu tun. Für viele scheint die Suche nach ihr auch ein bequemer Weg, sich aus der Geschichte zu stehlen. Das kann man von der Studie

Jochen Löser/Ulrike Schilling: "Neutralität für Mitteleuropa – das Ende der Blöcke"; C. Bertelsmann, Münch. 1984; 206 S., 24,80 DM

so nicht sagen. Denn Selbstvertrauen ist hier das Stichwort.

Ein Autor und ehemaliger Generalmajor der Bundeswehr, der durch seine Vorschläge für alternative Verteidigungsstrategien ("Weder rot noch tot") bekannt wurde, hat sich mit einem Nachwuchstalent zusammengetan, das von vielem gehört und über vieles gelesen hat, aber wenig weiß. So ist der Gesamteindruck, um das vorweg zu sagen, entsprechend, nämlich zwiespältig. Zwar stimmt, was sie sagen: Der moralische Ansatz der amerikanischen Außenpolitik führt nicht weiter; die europäisch-amerikanische Interessenidentität ist verlorengegangen; die UdSSR könnte an ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten ersticken und deshalb aggressiv werden. Solchen Passagen aber, denen man die Zustimmung nicht versagen möchte, stehen andere gegenüber, die in ihrer Schlichtheit dann doch verblüffen ("Das heute vorhandene starke Mißtrauen empfiehlt es, einen behutsamen und gut abgestimmten Truppenentflechtungsprozeß einzuleiten.") Nicht selten widersprechen sich die Grundaussagen innerhalb weniger Seiten. (Zum Beispiel Seite 73: "Müßte der Umstand, daß der instrumentale Charakter der revolutionären Ideologie inzwischen weltweit erkannt worden ist, die Kremlherren nicht zu der Einsicht zwingen, daß es notwendig ist, die expansive Politik zu korrigieren?"; Seite 79: "Für einen Bolschewiken steht immer die Machtfrage im Vordergrund.")

Durchweg wird so getan, als hätten die Politiker der fünfziger und sechziger Jahre unter den Bedingungen der siebziger und achtziger Jahre gehandelt. Bezeichnenderweise stehen Präsens und Imperfekt in ein und demselben Absatz nebeneinander. Da wird wirklich alles zitiert, was gut und uns teuer ist: Clausewitz, Bismarck und Stresemann ebenso wie die Säulenheiligen eines "anderen Weges" der fünfziger Jahre: Heinemann, Pfleiierer, Sethe, dazu noch aus der Gegenwart Egon Bahr. Alles zusammen wirkt wie eine bemühte Seminararbeit (allerdings ohne Quellenangaben und ohne Schriftenverzeichnis.)

Getrost mag man daher die holzschnitthafte erste Hälfte übergehen und sich der Gegenwart ab etwa Seite 109 zuwenden. Hier findet sich dann doch einiges; über das sich ernsthaft diskutieren läßt. Denn die Grundidee dieses Buches ist einfach. Es soll nicht ganz Europa aus den Blöcken herausgelöst werden, sondern "Mitteleuropa", worunter die Autoren "die Beneluxstaaten, die Bundesrepublik Deutschland, die DDR, die ČSSR, Österreich, Polen, Ungarn, Rumänien und Jugoslawien" verstehen. Nicht Anti-Amerikanismus führte ihnen die Feder, sondern die Vorstellung es müsse den Mitteleuropäern möglich sein, in eigener Verantwortung ihre Verteidigung zu übernehmen und damit für ihre Sicherheit zu sorgen. Im Zusammenhang zeigt es sich, daß sie damit eine Mischung aus überständig gewordener "Brückenkonzeption" und europäischem Patriotismus (nicht umsonst zitieren sie Bismarcks "preußischen Patriotismus") anstreben.