Von Matthias Naß

"Unsere Haut ist verbrannt wie in einem Ofen von dem schrecklichen Hunger."

(Klagelieder 5, 10)

Addis Abeba, im November

Morgen wird Tafete Gitahu nicht mehr leben. Dann werden sie ihn aus der Wellblechbaracke hinaustragen und die Bahre mit seinem in Sackleinen gewickelten Leichnam neben die zwanzig, dreißig anderen Toten legen, die in dieser Nacht verhungert sind.

Zusammengekrümmt liegt der Zwanzigjährige auf seinem Lager, längst zu schwach, um noch Nahrung aufnehmen zu können. Die Krankenschwester hat eine Decke über seinen ausgezehrten Körper gebreitet. Nur die bis auf die Knochen abgemagerten Beine ragen darunter hervor. Sein Bruder hält dem Sterbenden die Hand. Stumm blickt er mich an.

Tafetes Lager gleicht einem Grabhügel mehr als einem Krankenbett: Dreißig Zentimeter hoch aufgeschütteter Sand, um den herum Steine aufgeschichtet worden sind. Darüber ist eine schwarze Plastikfolie gelegt. In Deutschland werden aus demselben Material Müllsäcke hergestellt.