Im Kaiserreich galt der preußische Generalfeldmarschall als "größter Denker"

Von Alexander Rost

Moltke heute? Als exzellenter Briefschreiber,aus der fernen Türkei, an die jungeBraut, ist er klein, fein und ziemlich klassisch noch Lektüre-gegenwärtig, in Inselbuchlesergemeinden sozusagen. Seine lakonischen Sprüche sind Zitatenschätz geworden: "Getrennt marschieren, vereint schlagen", "Glück hat auf die Dauer nur der Tüchtige", "Erst wägen, dann wagen"; doch auch auf solchen Worten liegt längst Patina. Als Gestalt deutscher politischer Geschichte scheint er zu einer Fußnotenperson geschrumpft zu sein; und von dem Kult, der ihm galt, ist nichts mehr geblieben als die banale Adressenfunktion der Straßenschilder mit seinem Namen, die es in fast jeder größeren Stadt hierzulande gibt.

Moltke damals? Am Ende des Jahrhunderts, mit dem Helmuth Carl Bernhard von Moltke, geboren 1800 in Parchim, Mecklenburg, im Gleichschritt gegangen war, auf dem Weg aus dem kosmopolitischen Humanismus in den nationalen Realismus, war er der neben Bismarck höchstgefeierte Mann in Deutschland. Bismarck, der ihn – was erst recht vice versa zutraf – nicht sonderlich leiden konnte, brauchte kaum zu heucheln, als er im Reichstag einmal ausrief: Moltke sei "der Herr, dem wir die Einigkeit des Deutschen Reiches nächst Seiner Majestät dem Kaiser verdanken, nicht mir!"; und in den Augen der Bildungsbürger war er der Mann, der das Volk der Dichter und Denker gelehrt hatte, nun auch den Durst auf ein machtvolles Handeln zu stillen.

In einer Gedächtnisrede nach seinem Tod, 1891, lobte ihn Ernst Curtius (der Archäologe, der Olympia ausgrub) vor der Berliner Akademie der Wissenschaften als den Deutschen, der den hellenischen Zwiespalt zwischen Geist und Tat überwunden habe: "Wenn also schon im Altertum darüber gestritten wurde, welchem Leben der Vorzug gebühre, dem beschaulichen Leben des Weisen, der an seinem ruhigen Auge die Weltbegebenheiten vorüberziehen sieht, oder dem praktischen Leben des Staatsmannes und Feldherrn, so hat Moltke beides in seltener Weise in sich vereinigt."

Mit Mütze statt Helm

Als die Berliner Illustrirte 1899 ihre Leser nach den wichtigsten Ereignissen und Persönlichkeiten des Säkulums befragte, fielen in der Antwort zum Item "größter Feldherr" nur zwei Namen, Moltke und Napoleon; der Korse gewann mit knapper Mehrheit. Moltke aber schlug (in dieser Reihenfolge) Kant, Darwin, Schopenhauer, Alexander von Humboldt, Nietzsche, Hegel und diverse andere – in der Wahl zum "größten Denker".