Von Jörg Welkow

Warschau, im November

Nach dem dritten Glas Wodka steht es dann fest: Urban ist schuld. Eigentlich ist er das immer. Dieses Mal hat der polnische Regierungssprecher gar die Reise von Außenminister Hans-Dietrich Genscher nach Warschau verhindert. Natürlich läßt sich das ganz so einfach nicht sagen. In der Mitteilung aus Bonn spielte Urban nur in einem von drei Punkten eine Rolle. Aber für den polnischen Beobachter reicht das hin. Dieser Mann zieht nämlich böse Verantwortung geradezu auf sich. Und nach eigenen Aussagen macht es ihm auch gar nichts aus, Schuld zu tragen.

Als Medium zwischen höchster Obrigkeit und den Regierten sollte ein Regierungssprecher eigentlich eine Unperson sein. Aber in einer aufgeklärten Diktatur wie der polnischen, die sich dieses Amt leistet, das es in anderen Ostblockstaaten gar nicht gibt, ist der Regierungssprecher der einzige Amtsträger – mit Ministerrang –, den man schelten kann, ohne Grundsätzliches in Frage zu stellen. Sein Amt gehört nicht zum Dogma des Systems. Es ist vogelfrei. Der Regierungssprecher hängt an den Marionettenfäden der höchsten Gewalten – ein Nußknacker des Systems, von dem sich selbst Regierungsmitglieder und Parteibosse distanzieren können.

So darf jeder auf ihn böse sein. Die polnische Kirche schimpft auf Urban, auf seine Religionsfeindlichkeit, auf seine Kritik an dem Jung-Heiligen Maximilian Kolbe. Die Gläubigen stoßen sich an ihm, sie hassen ihn sogar. Sie tun es zumindest seit jenem Tag im Winter 1981, als Urban offen zugab, er und die Regierung würden auch in größter Krise nicht verhungern. Journalisten im In- und Ausland rühmen zwar seine spitze Feder, aber sie kennen auch seinen Zynismus, seinen Sarkasmus, seine schlüpfrige Drolligkeit. Für manchen Betonkopf in der Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) ist er zu liberal.

Auf Regierungssprecher Urban trifft Verachtung, Mitleid und Haßliebe. Doch ihn rührt das – augenscheinlich – kaum. Er spitzt nur seinen schmalen Mund, genießt vor allem die Beachtung und scheint in innerlichem Spott zu beben. Oder sollte diese Annahme gar nicht stimmen? Wer kennt ihn denn eigentlich? Hat er Freunde? Sagt er wenigstens sich selbst die Wahrheit?

Jeden Dienstag um zwölf hält Jerzy Urban hof: Pressekonferenz im Club der halbamtlichen Nachrichtenagentur Interpress. Auf der Kehrseite des Warschauer Großen Theaters versammeln sich ausländische und seit kurzem, polnische Journalisten. Zigaretten qualmen; die Luft ist heiß und trocken. Auf eine Frage hin fiel da "am Tag vor der Abreise Genschers nach vorherigen internen Erklärungen durch den polnischen Regierungssprecher in der Öffentlichkeit (die) ausgesprochene Ermahnung, dem ermordeten Kaplan Popieluszko nicht die Ehrerbietung durch den Besuch seines Grabes zu erweisen". So teilte in der Nacht zum 22. November das Bonner Auswärtige Amt mit. Aber das war nur ein Grund für die Verschiebung des Besuches.