Die wirtschaftliche Erschließung Amazoniens entartet zu einem Raubzug

Von Klaus-Henning Arfert

In Brasilien wird die Öffentlichkeit in diesen Monaten mit einer Serie groß aufgezogener Einweihungen in Atem gehalten. Zum Reigen der Großprojekte gehört Itaipu im Süden, jenes größte Wasserkraftwerk der Welt, dessen Stromerzeugung Staatschef Figueiredo zusammen mit General Stroessner aus Paraguay mit einem Hebeldruck in Gang setzte. Rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen am 15. Januar konnten die Brasilianer das imposante Ereignis auf allen Fernsehkanälen verfolgen. Die Militärs wollen mit ihren Erfolgen beeindrucken, das arg strapazierte Image des Systems aufpolieren. Damit soll der Opposition Wind aus den Segeln genommen werden, denn die pharaonischen Unternehmungen sind mehr denn je umstritten. Itaipu ist ein gigantisches Beispiel für einen exportorientierten Kraftakt, der Brasilien 18 Milliarden Dollar gekostet hat. Das sind achtzehn Prozent der gesamten Auslandsverschuldung.

Viele halten die hohen Investitionen am Rio Parana für unvertretbar: Der wirtschaftliche Niedergang hat den Elektrizitätsbedarf Brasiliens verringert. Dennoch ist der Bau weiterer Wasserkraftwerke geplant. Ihre Kapazität wird derjenigen von zehn Atommeilern entsprechen. Als nächstes Stauwerk soll Tucurui in Amazonien Strom und damit den Auftakt eines gewaltigen hydroelektrischen Bauprogramms liefern, das allein im Tocantins-Flußbecken acht große und neunzehn kleinere Stauseen vorsieht. Weitere lebensfeindliche Staudämme im Amazonasbecken werden an den Flüssen Xingu, Iriri, und Trombetas errichtet.

In Tucurui will Figueiredo Ende November die Schleusen öffnen. Dieses erste Wasserkraftwerk der Region erschließt ein Gebiet von 400 000 Quadratkilometern, so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, Österreich und die Schweiz zusammengenommen. Noch ist der Stausee erst zu einem Fünftel gefüllt. Ende des Jahres wird er die vierfache Größe des Bodensees haben. Achttausend Megawatt sollen die Wassermassen des Tocantins zur Ausbeutung der größten Eisenerzvorkommen der Welt bei Carajas liefern. Energie aus Tucurui für die Zukunft Brasiliens, sagen die Technokraten. Sie haben das Projekt mit wenig Rücksicht auf soziale und ökologische Folgen vorangetrieben. Ob mit der bevorstehenden Energiegewinnung die hohe Staatsverschuldung rückgängig gemacht und der Erdölimport entscheidend gedrosselt werden kann, bleibt fraglich. Denn als künftigen Großabnehmer werden den ausländischen Investoren schon jetzt Konzessionärspreise von einem Drittel des Marktpreises eingeräumt. Der finanzielle Aufwand für den brasilianischen Staat wird so beträchtlich sein, daß die geplante Einsparung von täglich zwölf Millionen Dollar für nicht benötigtes Öl wohl nie erreicht werden kann.

Dennoch Aufbruch zur letzten Grenze. Fast bedenkenlos wird die Infrastruktur für eine Industrialisierung der Superlative geschaffen. Über 18 Milliarden Tonnen Eisenerz sollen die kahlen Berge von Carajas liefern. Für ein Vierteljahrhundert könnten sie die Nachfrage auf der ganzen Welt bei derzeitigem Stand decken. Weitere Zauberworte der Erschließung: Millionen Tonnen des knapp werdenden Kupfers, ferner Bauxit, Mangan, Nickei und Zinn. Auch ungeahnte Goldvorkommen treibt die Urwald-Unternehmung voran. Von den kühnen Kalkulatoren ließen sich nicht nur die Europäer mitreißen. Auch die Japaner gaben Kredite und zeichneten Abnahmeverträge für die edleren Metalle und für das Eisen.

In Brasilien freilich fürchten viele um die Belastungen des ostamazonischen Ökosystems. Was der Sinn für Gigantomanie aus dem Busch gestampft hat, muß nach Ansicht der Experten das Gleichgewicht des größten Regenwalds der Erde gefährlich beeinflussen. Sogar im Kongreß in Brasilia erhob die Opposition bittere Vorwürfe. Auch die Bevölkerung der Region läßt sich trotz einer aufwendigen Plakataktion der Technokraten zur Verharmlosung der Schäden kaum noch besänftigen. Sie bangt um ihre natürlichen Lebensgrundlagen, die der Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie in Brasilien infolge ungenügender Gesetze zum Schutz der Umwelt immer wieder in Frage stellt.