Von Joachim Günther

Er ist ein merkwürdiger, vielleicht im Rahmen unserer Zeitgeschichte einzigartiger Fall: der Verleger, Lustspielverfasser, Reiseschriftsteller, Kritiker, Essayist Friedrich Michael, der am 30. Oktober dreiundneunzig Jahre alt geworden ist. Fragt man herum, löst der Name meistens Achselzucken aus. Er gehörte in seinem langen Leben zu denen, die astrologisch gesprochen eher eine gewisse Macht als viel Ruhm gehabt haben. Macht wird aber schneller vergessen als Ruhm. Indessen war die machtlose Seite seiner Existenz, also der Schriftsteller Friedrich Michael, das Interessantere als etwa der Wiesbadener Chef des Insel-Verlages, als der Friedrich Michael nach dem Kriege bis 1960 tätig gewesen ist; nach langer Zusammenarbeit mit Anton Kippenberg in der Nazizeit.

Zum neunzigsten Geburtstag Michaels ist im Jan Thorbecke Verlag, Sigmaringen, eine Ausgabe der Gesammelten Schriften Michaels mit einem ersten Band, betitelt: "So ernst wie heiter" angelaufen. Schon bald danach folgte ein zweiter Band "Der Leser als Entdecker". Wenn man einen Augenblick bei sich selber rätselt: Wie mag das finanziert sein? – ist es nicht unwichtig zu wissen, daß Friedrich Michael als Herausgeber des Literaturblatts "Nimm und lies" einen Aufsatz des siebzehnjährigen Primaners Jan Thorbecke veröffentlicht hat. Die Werksausgabe soll fortgesetzt werden.

Einer solchen Werksausgabe selber kann schwerlich große Verbreitung, die den kostspieligen Druck kompensieren würde, vorausgesagt werden. Wir leben, wie Max Frisch prophezeite, in einer Epoche, die keinen Nachruhm mehr einbringt. Luther wollte am letzten Tag der Welt noch sein Apfelbäumchen pflanzen. Übernehmen wir solchen Optimismus auch für den Fall Michael, dem er selbst im Hinblick auf seine Gesammelten Werke gewiß nicht fremd ist. Mit dem Stichwort Optimismus ist ein Wesenszug seines Schreibens (vielleicht sogar noch mehr als des persönlichen Charakters) angesprochen: das Lockere und Heitere, das Leserfreundliche und Aufmunternde, das Natürlich-Gesprochene, nicht Überreflektierte, das alleweil einen leichten, alles Wesentliche enthaltenden Bildungsrucksack Mitführende seines Stils, den man als gehobenes Bürgertum, weder "Geistesfürstlichkeit" noch "Proletariat" mit soziologischen Ausdrücken kennzeichnen könnte. Über was dieser exemplarisch bürgerliche Schriftsteller, der doch nie fachlichen, überhaupt wissenschaftlichen Ehrgeiz zum Ausdruck brachte, alles geschrieben hat: die bloße Aufzählung der Aufsatzthemen würde auch einer groß angelegten Besprechung den Platz nehmen. Es geht um etwas wie Tausend und eine Nacht.

Andererseits ist Friedrich Michael, und das heißt allein dem Autor, auch nicht mit Zusammenfassung seiner Interessen und Themen deutlicher auf den Leib zu rücken. Was nutzt es, ihn einen Theaterkritiker, einen klassische Philologie im Hintergrund haltenden Goethekenner, einen Stammtisch und Kränzchen, Spielkarten und Rätsel nicht nur liebenden, sondern auf den Grund reflektierenden Analytiker der Alltäglichkeiten zu nennen? Die Vielseitigkeit der geistigen Lebensaufmerksamkeit läßt ihn nicht einmal vor Gebieten zurückschrecken, von denen er dann doch (wie etwa von dem der Ornithologie) "nicht viel versteht". Die betreffenden Passagen und der Aufsatz selbst ("Elegie auf eine kleine Freundin") behalten ihre Liebenswürdigkeit, wenn sie von der ,Bachamsel" (die "Wasseramsel" ist gemeint) sich in sprechen, ja ihr ein in Prosa gefaßtes Liebesgedicht zu widmen erlauben.

Merkwürdigerweise rätselt man trotz so vieler heute den, morgen jenen Leser ansprechenden Aufsätze der beiden Bände, wo denn nun der Nerv und das Zentrum dieser so perspektivenreichen Schriftstellerei orten mögen? Vergleiche mit anderen Publizisten, Essayisten, Journalisten, Erzählern dieses Jahrhunderts lassen sich kaum ziehen. Die großen Theaterkritiker ebenso wie die bedeutenden Essayisten und Publizisten sind fast die gestorben. Michael reiht sich, ob sie nun Hofmiller oder Sieburg, Kerr oder Tucholsky heißen, ihnen nicht an, so wenig wie er eine absolut eigele Variante darstellt. Man kann auch in dieser Hinsicht allen Vorausblick nur stoppen, und gerade in eben solcher Zeiteinschränkung das eher Typische als Charakteristische der Betrachtungen, Erinnerungen, Episteln und Glossen Friedrich Michaels sehen. Der äußere und in gewisser Weise auch der literarische Lebenslauf Michaels könnte von fern an Friedrich Nicolai denken lassen, nur daß er keinen Streit mit den "Großen" seiner Zeit gehabt hat, und daß ihm Voraussetzungen der Aufklärung und des Rationalismus nicht mehr so selbstverständlich wie dem berlinischen Ahnen gewesen sind. Michael ist in Ilmenau geboren und fühlbar stolz auf die thüringische, ihn mit Goethe in Verbindung bringende Herkunft.

Da gibt es eine Kleinigkeit, die aus Beschluß einer Schiffsreise nach England und Holland zitiert sei: "Es ist Sonntag. Im Damensalon der Ersten Klasse (des Dampfers) ist ein Altar für den katholischen Gottesdienst improvisiert. Es sind fünfzehn Schwestern eines Ordens aus Süddeutschland an Bord, die nach East London fahren. Rührend junge Gesichter frischer Bauernmädchen blicken unter den Kapuzen ihrer schweren, faltenreichen weißen Gewänder hervor, in denen sie wunderlich fremd, wie aus einer anderen Welt, zwischen den nüchtern klaren Aufbauten eines Schiffes stehen. Der kleine Nigger, den der Kapitän als Aufwärter an Bord hat, wirkt noch schwärzer neben dem Weiß der Nonnen – zum ersten Mal begegnen die jungen Gottesdienerinnen einem der dunklen Menschenbrüder, denen ihr Leben künftig gewidmet sein mag. Jemand ereifert sich: traurig, daß diese Vergewaltigung der Natur in so jungen Mädchen noch erlaubt werde – es sei doch einfach unnatürlich. Niemand verspürt Lust zu widersprechen; er sieht so aus, der Eiferer, als ob man ihm kaum klar machen könnte, daß für den Menschen doch wohl ‚Natur‘ nicht das Letzte ist. Still und unberührt wandeln die weißen Jungfrauen über Deck, ganz fern lächelnd, wenn man ihnen begegnet."