Von Christian Schmidt-Häuer

An einem Juninachmittag des Jahres 1957 klingelte bei Nikita Chruschtschow das Telephon. Am Apparat war Präsidiums-Genosse Bulganin. "Wir verlangen", so die ultimativ klingende Formulierung des Anrufers, "sofort das Präsidium des Zentralkomitees einzuberufen." – "Wer sind diese ‚wir‘?", fragte Chruschtschow zurück. Bulganin: "Die Gruppe, die hier beim Mittagessen sitzt." Chruschtschow, der den Braten roch, verwies auf die Parteistatuten: "Eine beim Mittagessen sitzende Gruppe im Zentralkomitee gibt es nicht."

Als Bulganin nicht locker ließ, kam der Parteichef schließlich doch hinüber zum Kreml, in den Speisesaal für ZK-Mitglieder. Dort traf er auf alle in Moskau anwesenden Mitglieder des Präsidiums (heute: Politbüro). Das große Wort gegen Chruschtschow führten Molotow, Malenkow, Kaganowitsch und Woroschilow. Die Mehrheit forderte eine sofortige Einberufung des gesamten Präsidiums, das diesmal nicht, wie sonst üblich, von Chruschtschow geleitet werden dürfe. Ziel der Sitzung: Die Parteiführung sollte in einer Resolution Chruschtschows Alleingänge und Verstöße gegen die kollektive Führung verurteilen.

Dem Parteichef war klar: Eine solche Resolution würde nicht nur sein politisches Schicksal besiegeln. Aber um Zeit zu gewinnen, erklärte er sich einverstanden, über die Zusammensetzung einer Kommission zu diskutieren, die den Text der Resolution ausarbeiten sollte. In diesen Stunden klammerte sich Chruschtschow nur an einen Gedanken, den er nach seiner Rettung dem jugoslawischen Botschafter anvertraute: "Man muß ein Plenum des Zentralkomitees einberufen, und da muß alles geregelt werden."

Der schlaue (und zu jener Zeit noch umsichtige) Taktiker hatte richtig gerechnet. Zu der am nächsten Tag fortgesetzten Präsidiumssitzung kamen bereits zwanzig ZK-Mitglieder unter Leitung von Marschall Konjew. Sie warteten vor der Tür und begehrten lautstark Einlaß. Mit Hilfe von Verteidigungsminister Marschall Schukow, der als Kandidat des Präsidiums zu der Sitzung hinzugezogen werden konnte und der die Transportmittel der Roten Armee zur Verfügung stellte, wurden immer mehr Mitglieder des Zentralkomitees nach Moskau und in den Kreml geschleust. Schließlich forderten 83 ZK-Mitglieder das Präsidium schriftlich auf, in den Swerdlow-Saal des Kremls zu kommen, da das Plenum des Zentralkomitees das einzig zuständige Organ für eine Beschlußfassung sei. Vor diesem Plenum verkehrten sich die Machtverhältnisse ins Gegenteil. Die gegen Chruschtschow gerichtete Mehrheit des Präsidiums wurde vor dem zürnenden Zentralkomitee zur kleinen, radikalen Minderheit. Sechzig Redner (150 hatten sich gemeldet) rechneten mit Molotow, Malenkow und, ihren Mitverschwörern ab. Das Endresultat ist bekannt: Die "parteifeindliche Gruppe" wurde ausgeschlossen.

Die Episode zeigt, welche Rolle das Zentralkomitee – dieses zwischen den Parteitagen de jure höchste, de facto aber bedeutungslose Gremium – im Ernstfall spielen kann. Wenn die Verhältnisse im (heute zwölfköpfigen) Politbüro stimmen, ist das Kollektiv der gegenwärtig rund 300 Spitzenfunktionäre, das gemäß seinen Statuten zumindest alle sechs Monate zusammenkommen muß, kaum mehr als eine Akklamationsmaschine. Wenn aber die Parteiführung zerstritten oder gespalten ist, kann das Zentralkomitee als letzte Hoffnung zusammengetrommelt werden – wie im Falle Chruschtschows – oder aber als Multiplikator der Differenzen und Diskussionen plötzlich gefürchtet werden – wie offensichtlich jetzt im Falle Tschernjenkos und seiner Anhänger.

Die Kremlführung ließ das obligate ZK-Plenum vor der Wintersitzung des Obersten Sowjet zu Beginn dieser Woche ausfallen. Das ist ein außergewöhnlicher Einschnitt in das byzantinische Ritual und nicht, wie manche meinen, nur ein ambulanter Kunstgriff zwecks organisatorischer Vereinfachung. Denn der seit fast zwanzig Jahren einmalige Vorfall ist bei weitem nicht das einzige Zeichen aus Moskau, das auf einen zugespitzten Kampf um Sach- und Machtfragen schließen läßt. So gab es am 15. November eine höchst eigenartige Politbüro-Sitzung – wenn auch nicht in der Kreml-Kantine, so doch mit ungewöhnlich erweiterter Beteiligung und ebenso auffälliger Nichtbeteiligung – Kronprinz Gorbatschow, sein Verbündeter Worotnikow und der erkrankte Verteidigungsminister Ustinow fehlten. Das wiederum wurde durch eine völlig aus dem Rahmen fallende Publizität demonstrativ unterstrichen. Auch die immer noch geheimnisumwitterte Ablösung von Generalstabscnef Ogarkow Anfang September und viele andere Ungereimtheiten deuten auf tiefgehende politische und personelle Auseinandersetzungen hin. Sie sollten offensichtlich nicht ins ZK-Plenum getragen werden. Seit Chruschtschows Tagen hat sich den alten Oligarchen die Furcht eingebrannt, daß ihr eigener Konflikt in eine nicht mehr manipulierbare und deshalb unberechenbare Teilnahme der im Zentralkomitee so sorgsam austarierten Machtelite des Landes münden könnte.