Von Heinrich Böll

Leichte Lektüre ist das nicht und doch, was angesichts des Themas überraschend klingen mag: spannend, weil Teilnahme erweckt wird, auch Mitleid und Trauer; spannend auch, nicht wie ein Krimi, in dem die Spannung auf Neugierde beruht: Wer ist der Mörder, warum hat er’s getan, wird er geschnappt? Hier wird nicht geschnappt, sondern gegriffen, ein- und zugegriffen in Geschichte hinein, und welch eine! An einem Wendepunkt wird sie erwischt: bei Stalingrad.

Es ist kein militärhistorisches Werk, neue Erkenntnisse für akribische Schlachtenmaler werden nicht vermittelt. Der gewaltige Aufmarsch der Beteiligten ist nur auch ein militärischer.

Gruppenweise werden sie alle in die "Schlacht" geschickt: Wissenschaftler, sowjetische Truppenkommandeure, die Betreiber und Verteidiger eines Kraftwerks in Stalingrad, die Verteidiger des eingeschlossenen Hauses "sechs Strich eins", Politkommissare, deutsche Truppenkommandeure, Insassen deutscher KZs, eines sowjetischen Straflagers, Gefangene in der Lubjanka, dieser Vorhölle zu den verschiedenen Kreisen der Hölle; deutsche Soldaten, sowjetische, und die, die Grossman die "Gewalthaber" nennt: Josef Wissarionowitsch Stalin und Adolf Hitler; auch Eichmann "und viele andere Bürger und Soldaten", die meisten verwandt, verlobt, verheiratet oder nur in Liebe verbunden mit der zahlreichen Familie der Schaposchnikows, die "jüdisch versippt" ist.

Wenn der Aufmarsch erfolgt ist, kommt die teilnahmsvolle Frage auf: Was wird aus ihr, aus ihm werden, wie wird sie oder er das überstehen, und wo? Im Lager, in der Freiheit, in einem deutschen KZ, in einem sowjetischen Lager? Oder welcher der zahlreichen Todesarten dieses gesegneten Jahrhunderts werden sie erliegen? Erhängt, erschossen, zu Tode gefoltert oder vergast und verbrannt?

Daß einige überleben, mehr als man erwartet, sollte nicht zu der Illusion führen, hier sei ein "Happy-End" zu erwarten. Dem Gegenstand gemäß kein leichtes Buch und doch gespannt und spannend. Den Autor findet man immer dort, wo er hingehört, bei den Leidenden, auch wenn es deutsche Soldaten sind.

Ein gewaltiges Unternehmen, kaum noch ein Buch, mehr als einige ineinander geflochtene Romane, ein Werk eben, das seine Geschichte hinter sich und eine vor sich hat. Wie viele Studien, Abhandlungen, auch Kontroversen wird es auslösen, jetzt, wo es, zwanzig Jahre nachdem Grossman den Schlußstrich gesetzt hat, erstmals ungekürzt einzusehen ist? Kämpfe werden einige geschildert, Schlachten wenige, und wenn, dann so klar und kurz, daß man die Aufmärsche und Bereitstellungen, die beim großen Tolstoi allzu akribisch – fast filmisch vorgeführt werden und erzählerisch sozusagen "durcnhängen" – vor sich zu sehen glaubt.