Ein chinesisches Sprichwort sagt: "Erkenne dich und deinen Feind – dann wirst du unschlagbar." In einer Zeit, in der vor allem die Vereinigten Staaten der Sowjetunion wieder eine tragende Rolle als Feind zugewiesen haben, steigt der Bedarf nicht nur an militärischer und ideologischer Munition, sondern auch an Einsicht ten in die Entwicklungstendenzen des sowjetischen Herrschaftssystems. Nicht zufällig wird den amerikanischen Wissenschaftlern heute sowohl institutionell als auch finanziell eine viel größere Forschungskapazität zur Verfügung gestellt als ihren europäischen Kollegen. Gleichzeitig fällt auf, daß von den Experten auf beiden Seiten des Atlantiks zunehmend unerschiedliche, ja konträre Auffassungen vertreten werden.

Besonders deutlich gemacht hat das die diesjährige deutsch-amerikanische Konferenz des Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Konrad-Adenauer-Stiftung. 130 Sachkenner aus Wissenschaft, Politik und Publizistik untersuchten auf dieser für die deutsche Sowjetforschung herausragenden Veranstaltung die wirtschaftlichen, sozioökonomischen, politischen, kulturellen und ideologischen Verhältnisse der Sowjetunion im Hinblick auf deren außenpolitische Folgen. Alle 36 Vorträge und zahlreiche Diskussionsbeiträge dieser Tagung liegen jetzt in einem Sammelband vor:

Hans-Joachim Veen (Hrsg.): "Wohin entwickelt sich die Sowjetunion? – Zur außenpolitischen Relevanz innenpolitischer Entwicklungen"; Verlag Ernst Knoth, Melle 1984; 336 S.; DM 12,80.

Herausragend ist dieser Forschungsbericht nicht nur durch Breite und Intensität der Problemanalyse, sondern auch durch ihren Ansatz selbst: Offener und ernsthafter als früher wird die Frage nach Veränderungen der Sowjetgesellschaft gestellt. Der hoffnungslose Niedergang oder gar der Zusammenbruch des Sowjetsystems sind nicht mehr das alles übertönende Leitmotiv. Selbst für professionelle Untergangspropheten erweist es sich inzwischen als notwendig, davon auszugehen, daß die östliche Weltmacht unter Wahrung ihrer Systemeigenschaften gewisse Umstrukturierungen erleben beziehungsweise zulassen wird. Auch der Vorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung, Bruno-Heck, ließ in seiner Eröffnungsrede diese Einsicht anklingen: "Es gibt schon Signale von Wandlungsprozessen in der Sowjetunion, die wir nicht geringachten ..."

Lange, allzu lange beschränkte die große Mehrzahl der Sozialwissenschaftler und Publizisten ihr Interesse auf das "Sein", auf die "Charaktermerkmale" des Sowjetsystems. Mittlerweile aber wächst die Zahl derer, die versuchen, das "Werden" zukünftiger Formen und Funktionen der sowjetischen Herrschafts- und Gesellschaftsordnung aus den heutigen Bedingungen zu skizzieren. Der Erkenntnisprozeß macht also nicht halt bei der Beurteilung spezifischer Systemmerkmale, sondern entfaltet eine imaginäre Dimension. Dabei geraten die Fixpunkte, von denen aus dem Sowjetsystem bisher relativ bequem Interpretationen und Erwartungen zugeschrieben wurden, selbst in Bewegung. Dieser Prozeß macht plötzlich deutlich, daß die Besonderheiten des fremden Systems vorrangig als eine Mangelform des eigenen gewertet und bewertet wurden (und auch noch werden): ökonomische Ineffizienz dort gegenüber rationaler Nutzung aller Ressourcen hier, autoritäre Herrschaft dort gegenüber demokratischer Legitimation hier. Wie der Herausgeber des Bandes, Hans-Joachim Veen, in seiner Zusammenfassung feststellt, waren "es vornehmlich europäische Teilnehmer, die entweder eine Systemkrise oder weitgehende Reformer für möglich hielten. Die amerikanischen Konferenzteilnehmer urteilten generell zurückhaltender. Sie vermochten zwar weitreichende Veränderungen nicht gänzlich auszuschließen, hielten sie am Ende jedoch eher für unwahrscheinlich."

Kommt hier das eigene Krisenbewußtsein zum Vorschein? Es waren europäische, vor allem deutsche Sozialwissenschaftler, die in den siebziger Jahren System- und Legitimationskrisen zum Angelpunkt sozioökonomischer Analysen machten. Das war der "kritische" Ansatz der Kapitalismus-Analyse. Dessen Problemdefinitionen und Beurteilungskategorien hat eine wachsende Reihe von Autoren inzwischen auch für eine "kritische" Sozialismus-Forschung genutzt. Damit bezogen diese Wissenschaftler Front gegen "immanente" Untersuchungsmethoden, die das sowjetische System von seinen eigenen Prämissen und Schwierigkeiten her zu erfassen suchten. Diese beiden wissenschaftlichen Ausgangspositionen, zwischen denen es bisher wenig Überbrückungen gab, wurden auf der Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung in eine produktive Diskussion eingebunden.

Das gelang besonders durch die aktive Beteiligung von Vertretern verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Deshalb kann der Leser aus diesem Sammelband einen umfassenden und zugleich kurzen Überblick über die ökonomischen, politischen und kulturellen Faktoren der sowjetischen Entwicklung gewinnen. In der Analyse einzelner Problemfelaer argumentieren die Wissenschaftler freilich noch oft genug aneinander vorbei. Eine wirklich interdisziplinäre Annäherung an so komplizierte Phänomene wie Arbeitsethos, Produktivität oder Systemloyalität zeichnet sich noch selten ab – obwohl gerade hier nur durch die Zusammenfügung von historischen, sozialen, institutionellen und kulturellen Komponenten die mit westlichen Kategorien nicht erfaßbaren, traditionell-russischen Strukturen herausgearbeitet werden könnten.