Ein Stück "Innenansicht der Macht" gewinnen noch am ehesten westliche Journalisten, die in der Sowjetunion gearbeitet haben. Sie kennen – wie die wenigsten der übrigen Experten – aus oft jahrelanger Erfahrung die Reaktionsmuster von politischen Handlungsträgern ebenso wie die Verhaltensweisen der Bevölkerung. Ihre Beobachtungen des "Unsichtbaren" führen in Verbindung mit Forschungsergebnissen zu einer differenzierteren Betrachtung der "extrem konservativen Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur der Sowjetunion". Über diese Grundtatsache hinaus sind eindeutige Tendenzen nicht zwingend belegbar. Und wo die Eindeutigkeit schwindet, stellen sich manche sowjetischen Probleme aus der Sicht vernunftorientierter westlicher Beobachter nicht mehr so dramatisch dar. Das macht das Studium dieser Probleme nicht weniger spannend; Vielfalt und Prägnanz der Beiträge lassen die Lektüre dieses Forschungsberichts auch für den interessierten Laien lebendig erscheinen.

Zu den spannenden Themen des Buches gehört das Verhältnis zwischen politischer Führung und Militär. Während viele westliche Rüstungsexperten in den letzten Jahren neuerlich die Militärmacht der UdSSR und damit auch die Rolle des sogenannten militär-industriellen Komplexes überschätzt haben, zeigt die Analyse innenpolitischer Machtstrukturen, daß die Parteiführung und zivile staatliche Gremien keineswegs Entscheidungskompetenz abgegeben haben. Sieht man von der theoretisch möglichen (und dann allerdings auch unwägbaren) Situation einer krisenhaften Zuspitzung der Lage im Sowjetimperium einmal ab, bestätigt die jüngste Entwicklung eher, daß die Militärs politisch integriert und kontrolliert sind.

Die trotz aller Krisen-Erscheinungen real existierende Stabilität des Sowjetsystems ist nicht nur das Ergebnis des Machtwillens der herrschenden Klasse. Sie ist auch und trotz allem in wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit begründet. Nach schweren Rückschlägen in der Landwirtschaft und der Konsumgüterproduktion hat sich das Wachstumsniveau in den letzten beiden Jahren stabilisiert. Auch auf dem Energiesektor mußten frühere amerikanische Prognosen revidiert werden, die eine abrupte Verknappung der Energieträger als Ursache für kommende Krisen anführten. Durch begrenzte Reformen können auch in der Industrie noch Wachstumsreserven erschlossen werden. Nach dem letzten Stand der Sowjetforschung ist "die vollständige Umwandlung der Volkswirtschaft ... keine Voraussetzung für wesentliche Verbesserungen". Vielmehr wird angenommen, "daß schrittweise institutionelle und technische Veränderungen sich möglicherweise sehr wohl auf die Leistung der sowjetischen Wirtschaft insgesamt auswirken werden". (J. P. Hardt, D. Gold).

Solche pragmatischen Reformen werden auch unter Führung von Tschernjenko weiterverfolgt. Andropows Reformansatz und Disziplinkampagne wurden zwar reduziert, doch eine vollständige Rückkehr zu Breschnjews "Strategie der Beschwichtigung von Lage, Land und Leuten durch Kameraderie, durch .Stabilität der Kader’ kann es nicht mehr geben". Es sind die "wachsenden Einsichten in die Notwendigkeiten", die an Stelle des "Vertrauens in die Kader" das "Vertrauen in die Effizienz" zur tragenden Parole werden lassen. Opposition gegen die Reformen kommt "nicht so sehr von der Parteiführung oder dem Parteiapparat", sondern von den Wirtschaftsministerien, deren Planungs- und Entscheidungskompetenzen durch die jüngsten Reformansätze zurückgedrängt werden. Offen bleibt auch weiterhin, wohin sich die Sowjetunion entwickelt. Zur Beantwortung dieser Frage reicht es nicht hin, aus Spezialgebieten Erkenntnisse und Erfahrungen zusammenzutragen. Ohne eine Theorie des sozialen Wandels in sozialistischen Systemen bleiben die Hypothesen einzelner Wissenschaftler fragmentarisch. Aber sie vermitteln immerhin den Eindruck, daß sich die Sowjetunion entwickelt – und zwar anders, als es diejenigen prognostizierten, die den Sowjetstaat jahrelang nur mit dem Raster des totalitären Systems ausforschten.