Die Freiheit eines Verlassenen

Von Karsten Witte

Die Romanarbeit, die mich die letzten Jahre hindurch beschäftigt hatte, war abgeschlossen, die Stoffe meiner Kindheit aufgebraucht", erklärte der Schweizer Autor Christoph Geiser; nicht in einem Werkstattgespräch, sondern in seinem jüngsten Roman, in dem er sich zaghaft einem neuen Stoff zuwendet, den er kaum zufällig in den USA entdeckt: "Wen interessierte hier der Zerfall des schweizerischen Großbürgertums, aus dem ich stamme?" Diesem Zerfall hatte Geiser seine Romane "Grünsee" (1978) und "Brachland" (1980) gewidmet, für die er mit dem Basler Literaturpreis ausgezeichnet wurde.

Der neue Stoff, der so schnell nicht zu verbrauchen ist, liefert Geiser Anlaß, über eine besondere Sozialisation des Mannseins zu berichten, die nicht unbedingt an den Zerfall des Großbürgertums gebunden ist, sondern klassenüberschreitend wirkt, die Homosexualität. Diesen Tatbestand auszusprechen, bedeutet schon eine unnötig grobe Verdeutlichung. Denn diese "Wüstenfahrt" lebt vom Verschwiegenen und Verstohlenen. Durch die Wüste fährt der Erzähler zu sich selber, um am Ende, als ihn sein Gefährte verlassen hat, auch dieses Ziel zu verfehlen.

Aus heiterem Himmel senkt sich, über die Sandfarbe des Buchumschlags gleitend, ein gewaltiger Geier mit ausgefahrenen Krallen und schwarzen Schwingen. Ein Götterbote ist das nicht, eher ein Unglücksbringer, der über der flugs metaphorischen Wüste schwebt. Dieser Geier peilt ein Zeichen an, das unter ihm liegt, ganz sichtbar erst, wenn man den Umschlag mit dem Buch aufschlägt. Das Zeichen, auf das der Geier fliegt, ist ein Faksimile von Geisers Unterschrift.

Das Klima der Bedrohung, der explosiven Hitze während einer Reise durch die Staaten New Mexico und Arizona ist allgegenwärtig. Zwei junge Schweizer fahren westwärts bis Los Angeles. Sie sitzen im gleichen Auto. Aber sie fahren kaum gemeinsam. Denn die Wüste, die sie durchqueren, liegt zwischen ihnen. Hinter ihnen liegt eine Geschichte, womöglich eine Liebe, die für die Gegenwart nicht zu retten ist. "Wüstenfahrt" ist der lange Abschiedsbrief eines zu kurzgekommenen Erzählers, der keinen Abschied nehmen kann. Also erinnert er sich. Nein, er erinnert den anderen an dessen Erinnerungen.

Der sie hier aufschreibt, war Wehrdienstverweigerer, kam vor Gericht, fand seinen Verteidiger in Bern, der ihm hilft. Dankbarkeit bis zur völligen Selbstaufgabe ist das Gegengeschenk. Der erfolgreiche, gesellschaftlich durch Heirat, Kinder und berufliche Karriere abgesicherte Anwalt kann sich, nebenbei, durchaus noch andere, weniger dankbare Liebhaber leisten. So wird die beharrlich klaubende Erinnerung des Verflossenen zur Anklage eines Unbeholfenen, im Stich gelassenen Erzählers. Mit seinem Ex-Verteidiger hält er nun inneren Gerichtstag.

"Ich mußte, allmählich, in meinen Text zurückfinden, (...) damit mich der wirre Flash Back deiner Lichterscheinungen und Bilder nicht immer wieder überrollte." Das Dilemma von Geisers Erzählkonstruktion ist hier zu fassen. Der Schreibende muß zum Protokollanten des ihm diktierten Ausdrucks werden. Einen Gegenentwurf zur Ansicht des anderen, der ihm die Welt erklärt – diese Vielfalt der Handbuchbestimmungen von Vögeln und Pflanzen! – wagt der Protokollierende nicht.

Die Freiheit eines Verlassenen

Er muß die Welt, die ohne den anderen nicht wäre, was sie ihm ist, als Ansicht teilen. In Los Angeles etwa "gingst du, zum ersten Mal in deinem Leben, in ein Blue Movie, am Hollywood Boulevard, allein, aus Verzweiflung, dort wurde dir schlecht: zuviel Fleisch, mechanisch in Bewegung – grausig." Der Text summiert die traurige Fremderfahrung und: er schreibt sie fest. Denn der Erzähler, ein "dankbarer Schützling", macht sich klein, damit der gleichgültige Gefährte größer wird. Der ist nämlich sein "Leibwächter", sein "Fixpunkt", sein "Alpha" und sein "Über-Vater".

Diese Abhängigkeit vom anderen, dessen Text von den Lippen abgelesen, dann dem Körper des Schreibers, oder besser gesagt: des geschriebenen Erzählers gleichsam eintätowiert wird, macht den Schmerz der "Wüstenfahrt" aus. Situationen wie Glück, Freude, Gemeinsamkeit werden vorsichtig betrachtet. Der danach Suchende reibt sich die Nase am Glashaus wund. Am Schluß, als ob jede andere Lösung verschlossen sei, steht eine Todesphantasie des Briefschreibers, der seinen Adressaten auffordert: "Töte mich – mich gibt es ja längst nicht mehr."

Diese Geste eines Verzagten, der glaubt, nur er sei der Welt abhanden gekommen, macht die reale Welt, die er vom Kontinent zum Kanton, von New York bis Bern durchstreift, so erfahrungsarm. Jede seiner Wahrnehmungen gerinnt zum hastigen Notat: unter den Augen des anderen, von dessen Gnade das Überleben abhängt – aber doch nicht das Schreiben. Das Leben, dem der Roman nachreist, findet nicht in den Städten statt. Die Vitalität ist ausgewandert in die Natur. "Erektionen", ob aus "Licht", aus "Stein" oder "Holz" werden da beschworen, wo sie bloß metaphorisch stattfinden.

Dennoch erweckt "Wüstenfahrt" durch seine zwanghaft geteilte Sinnlichkeit eine eigenartige Spannung. Die niedergeschlagenen Augen, in denen Lustmomente nur noch als einsames Kopf-Kino flimmern, lesen ihre Eindrücke aus dunklen Ecken auf. Über den Markt der Sinne zieht ein Verschleierter, der als Ertappter spricht, sich das Schlimmste ersparen will und so die schlimmste Gewalt, Selbstunterdrückung, gegen sich selber richtet.

Das Buch hat zu viele unterschlagene Stellen. Dann deuten Auslassungspunkte ... eine Ausflucht an, die an Zensur erinnert, ein altes Lied. Mozarts Figaro sang es: "Das Weit’re, das Weit’re verschweig ich, doch weiß es, doch weiß es die Welt!"

Zu schnell ist die gewählte Konstellation zwischen Schützling und Beschützer erschöpft, zumal sie unumkehrbar scheint. Der Spielraum täuscht. So weit die Reise zwischen Alter und Neuer Welt gehen mag, so schmal ist andererseits der Pfad, auf dem der Schreibende ziehen darf. Die Besonderheit einer verfehlten Liebe mit der plötzlichen Freiheit eines Verlassenen ist noch nicht beschrieben. Die Erwartung bleibt im Vorraum stehen: ohne anzuklopfen.