Von Petra Kipphoff

Man könnte meinen, Paris sei (wieder) der Kunst-Nabel der Welt: hier wird in diesen Monaten so viel gezeigt und so viel geplant wie nirgendwo sonst. Da sind die großen Ausstellungstaten: Watteau, Rousseau und Kandinsky, die Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts, Degas und Hommage à Kahnweiler. Und da sind die großen Pläne: die Umgestaltung des Louvre zum "Grand Louvre", die Installierung des Musée d’Orsay" und des "Musée Picasso", die Renovierung, des "Centre Pompidou". Das ist das eine, triumphal und beklemmend zugleich: der Sturm auf die Museen und Ausstellungen, die Unmöglichkeit, einen Watteau oder einen Rousseau oder einen Kandinsky in Ruhe zu betrachten. Und das ist das andere: der Blick auf das, was gleichzeitig in den Pariser Galerien zu sehen ist, endet mit der Feststellung, daß man nicht nur in New York oder London, sondern auch in Köln oder München besser informiert wird über das, was die zeitgenössische Kunst bietet.

Es ist gewiß ein Zufall und fällt doch auf: Gerade in dem Moment, in der Dekade, wo der Zeitgeist auf etwas tönernen Second-hand-Füßen daherkommt, macht Frankreich jede nur erdenkliche Anstrengung, um Paris als Hauptsitz des Weltgeistes neu zu etablieren. Um das zu erreichen, scheut die sozialistische Regierung vor keinen Ausgaben, Tricks und imperial einsamen Entschlußfassungen zurück und unterscheidet sich damit in nichts von dem politischen Gegner und Vorgänger. Mit den 25 000 Obdachlosen von Paris, mit der neuen Armut in Frankreich ist kein Staat zu machen: Darin sind sich der konservative Bürgermeister von Paris und der sozialistische Regierungspräsident von Frankreich wortlos einig. Wohl aber mit der Kultur, mit dem Sternenkranz der Pariser Museen. Und auch die Tatsache, daß die Stadt Paris bei der Verteilung von Ruhm und Gütern oft den kürzeren zieht gegenüber der Kapitale, gilt als selbstverständliche Dienstleistung zum höheren Ruhm der Totalität der "Grande Nation". Von französischer Kunst hat man zwar länger nichts mehr gehört (auf der diesjährigen Biennale in Venedig wurde der alte Dubuffet gefeiert). Aber der französische Kunstbetrieb befindet sich in eindrucksvoll gewaltiger, staatlich verordneter und unterstützter Expansion.

Betrieb und Planung würden freilich im luftleeren Raum rotieren, wenn man nicht eine singuläre Chance der Mehrung des Kunstbesitzes entdeckt hätte, die immer wieder und gelegentlich bis an die Grenzen fast der Nötigung genutzt wird: die Übernahme von privaten Sammlungen und Nachlässen von Künstlern, die sich mehr (Picasso zum Beispiel) oder minder (Kandinsky zum Beispiel) freiwillig in Frankreich niedergelassen hatten.

Die "Dation Picasso" ist dabei wohl der dickste Fang und größte Coup, der dem französischen Staat je gelungen ist. Durch diese über fünf Jahre hinweg ausgehandelte Erstattung der Erbschaftssteuern in Form von Naturalien bekam der Staat 800 Picasso-Werke frei Haus geliefert (dazu das persönliche Archiv und die als "Donation Picasso" bekannte Sammlung von Werken anderer Künstler, die in Picassos Besitz war). Das vom Staat für diesen Schatz zur Verfügung gestellte und restaurierte Hotel Salé, ein prächtiger Bau des 18. Jahrhunderts im Marais, ist fast nur die Petersilie zu diesem kapitalen Braten. Frankreich, dessen Museumsdirektoren bis dato knapp eine Handvoll Picasso-Werke anzuschaffen für nötig befunden hatten, war über Nacht in den Besitz der umfassendsten, üppigsten Picasso-Sammlung gekommen. Im Mai 1985 soll das Musée Picasso eröffnet werden.

Als Henry Kahnweiler aus Mannheim 1902 imAlter von achtzehn Jahren nach Paris kam und dort ein paar Jahre später, sehr zum Hohn und Erstaunen des älteren Kollegen Vollard, eine Galerie aufmachte, da wurde er zum Vertreter, Sprecher und auch Freund von sechs Künstlern: Derain, Vlaminck, Picasso, Braque, Gris und Léger. In diesen Wochen feiert das Centre Pompidou den 100. Geburtstag des Emigranten mit einem "Hommage à Daniel-Henry Kahnweiler" und, das ist der wichtigste Teil der Doppel-Veranstaltung, der Vorstellung der "Donation Louise et Michel Leiris". Die Sammlung Leiris, die zum überwiegenden Teil aus der Sammlung Kahnweiler besteht (Louise Leiris, Kahnweilers Schwägerin, führte während des Kriegs seine Galerie weiter, und nach 1945 blieb es bei dem Namen Galerie Leiris), enthält allein von Picasso 18 Bilder und ein paar Dutzend Zeichnungen, außerdem Arbeiten von Léger, Braque, Gris, Laurens, Derain, Miró, Masson, Klee – alles in allem 200 Werke.

Kahnweiler, der geehrte und gefeierte Händler, Verleger (er druckte, als noch niemand anders das tat, Apollinaire, Artaud, Bataille, Leiris, Max Jacob) und Schreiber (1946 erschien seine Monographie über Juan Gris, 1949 sein Buch über Picassos Skulpturen, zwei Aufsatzbände gibt es außerdem mit Erinnerungen und theoretischen Schriften) und letztendlich Spender war in Frankreich nicht immer so beliebt. Der Kubismus, für den der junge Galerist sich als erster dickköpfig und unnachgiebig einsetzte, wurde zunächst als "art boche" beschimpft: die gräßliche, die deutsche Kunst. Aber da hatte man nicht mit Kahnweiler gerechnet (und auch nicht mit der späteren Prominenz der Künstler), für den das Engagement für den Kubismus nicht eine Geschmacksfrage war, sondern fast eine ethische, in jedem Fall aber eine philosophisch definierte Entscheidung. Der Kubismus, in dem Kahnweiler den entscheidenden Schritt der Malerei zur Befragung ihrer selbst erkannte, war für ihn die einzige Möglichkeit, "der vom Künstler erlebten und in die Idee des Werks transformierten Realität" in Gestalt eines autonomen Organismus habhaft zu werden. Kahnweiler, der den Impressionismus ebensowenig akzeptieren konnte wie die Abstraktion, begriff und verteidigte den Kubismus gerade in seiner sinnlichen und gedanklichen Verschlüsselung als die einzig wahre Kunst der Moderne. Das Porträt, das Picasso 1910 von ihm gemacht hat (und das vom Art Institute in Chicago ausgeliehen wurde), ist kein schlechter Beweis für seine These, die er mit fast preußisch protestantischer Kompromißlosigkeit vertrat.