Am Ende brach Gewalt herein: Vermummte erschreckten und verstörten die Versammlung mit Farbbeuteln, Geheul und stinkenden Säuren. Die war eben dabei, in gepflegter Schlußrunde die Chancen von Minderheiten im Bauen in der von parlamentarischen Mehrheiten bestimmten Demokratie noch einmal Revue passieren zu lassen: ein erschreckender, vor den Gutwilligen und Wohlmeinenden demonstrierter Kommentar zu den Widersprüchen, die die letzte und vom Thema her wichtigste Veranstaltung zum Berichtsjahr der Internationalen Bau-Ausstellung in Berlin begleiteten. "Demokratie als Bauherr" hieß das Forum, das die Gedanken des einstigen führenden SPD-Politikers und weiland Berliner Kultursenators, Adolf Arndt, aus dem Jahre 1960 zum Bauen als einer sozialen Aufgabe auf ihren heutigen Wirklichkeitsgehalt untersuchen sollte.

Geladen hatte dazu der Berliner Bausenator Klaus Franke. Er begrüßte das Forum als "Gelegenheit für Bürger und Politiker, Planer und Architekten, Historiker und Sozialwissenschaftler, über Konzepte und Erfahrungen zu diskutieren" und versprach – trotz mittlerweile sich mehrender Beweise für das Gegenteil – die Fortführung der behutsamen Stadterneuerung in Berlin.

Die Erinnerung an Adolf Arndt war der Versuch, die Aufgaben heutigen Bauens wie seine Voraussetzungen zu überprüfen und, womöglich, in ein neues theoretisches Konzept einzubinden. Arndt hat in dem berühmten, wegweisenden Vortrag, den er 1960 vor der Berliner Akademie der Künste gehalten hatte, im Rückblick auf die Großbauten des Faschismus das Verhältnis von Macht und gebauter Gestalt untersucht; sein Thema war der öffentliche Bau und dessen Erscheinungsbild. Die parlamentarische Demokratie war ihm als Bauherr eine sichere und vertrauenswürdige Größe; ihr ergänzendes Potential, das in "unabstimmbarer Freiheitlichkeit" Gestalt und menschenwürdige Räume hervorbrachte, waren für ihn die Baumeister, die Künstler.

Im Wohnungsbau der zwanziger Jahre, der – von Genossenschaften und Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften getragen – auch heute noch als vorbildlich geltende Siedlungen schuf, mochte er das Vorbild auch für die Gegenwart gesehen haben. Der Wohnungsbau der Nachkriegsjahre und die Wachstumsideologie, der die Demokratie sich auslieferte, hat dieses Ideal ad absurdum geführt: Während die Massenquartiere wuchsen, verkamen die Städte, zerrissen die Lebenszusammenhänge, in denen der Bürger sich als gleichberechtigter Teilhaber eines demokratischen Gemeinwesens erkennen konnte.

So ist der Versuch, in Berlin-Kreuzberg kaputte Stadt zu retten, mehr als das Bemühen, billigen Wohnraum für die Ärmsten zu bewahren; in seinen vielseitigen Ansätzen für neue Lebensmöglichkeiten im alten Stadtquartier bietet der Ort die Chance, die Bürger wieder fähig zur Mitsprache zu machen bei der Gestaltung ihrer individuellen wie der öffentlichen Räume.

Daß dieser Versuch jetzt durch die Einschränkung der Programme gefährdet ist, wurde bei der Eröffnung der Internationalen Bau-Ausstellung im ungehobelten Protest von Bürgern offenkundig. Wie wenig man diese Proteste – und wie wenig man die Sache – ernst nimmt, zeigte jetzt wieder die repräsentative Schlußveranstaltung. Die Politiker, die Fachleute aus den Verwaltungen, enthielten sich der Teilnahme. Sie ließen sich weder auf die Erfahrungsberichte über Formen der Bürgerbeteiligung in anderen Ländern ein noch auf die Analysen herbeigebetener internationaler Fachwissenschaftler zum Thema Demokratie und Partizipation. Sie entziehen sich ja sogar der Auseinandersetzung mit denen, die die IBA praktizieren. Und auch die Bürger, um deren konkrete Erfahrungen in der Stadt es ging, blieben der Veranstaltung fast gänzlich fern; sie hätten pro Veranstaltungstag die Teilnahme mit dem Erwerb der Eintrittskarte in den Gropius-Bau erkaufen müssen, in dessen leeren Sälen die teuren IBA-Ausstellungen einem müden Ende entgegengehen.

Der "Demokratie als Bauherr" fehlt es, wie man sieht, an der wichtigsten Voraussetzung, zeitgemäße Formen für die Lösung ihrer Aufgaben zu finden – an der Fähigkeit und am Willen zur Zusammenarbeit. Sie leistet sich Berührungsangst und ersetzt den Kontakt durch wortreiche Proklamationen. Kein Wunder, daß am Ende selbst die Wohlmeinenden die peinliche Wut der Sprachlosen trifft, die draußen vor der Tür bleiben müssen – und das, so steht zu fürchten, nicht nur bei diesem Kongreß. Lore Ditzen