Die Sperlinge leben noch glücklich

Von Ludwig Hang

Unlängst waren die Luxemburger in Berlin,um dort ihre Kopfgeburten vorzuweisen; die Lothringer kommen nach Saarbrücken, um Schuhe einzukaufen; die Kaiserslauterns fahren zu Bundesligaspielen über den Rhein, um dort ihr pfälzisches Herz zu zeigen. Die Saarländer ihrerseits, klaren Kopfs, aufrechten Gangs, sanften Herzens, sind nach überallhin unterwegs, sie reisen, um heimzukehren, und dieses Heimkehren hat etwas mit Ernst Blochs letztem Satz seines "Prinzip Hoffnung" zu tun, wo es heißt: Es "entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war : Heimat" – falls, wie vorausgeht, der Mensch "sich erfaßt (hat) und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet."

Es sind gar nicht die Großen und Starken, die wissen, wo’s lang geht. Johannes Kühn, ein Saarländer, sagt in einem Gedicht: "Die Sperlinge leben noch glücklich", nein, es müssen nicht immer die Adler und die Klapperstörche sein, die die Kraft und die Herrlichkeit, die Freiheit und die Zukunft bedeuten. Mit diesem Satz vom Sperling reißt Kühn den Himmel und die Hölle gleichermaßen auf, die Hölle der Vergangenheit, den Himmel der Zukunft. Aber ein so unscheinbarer Satz protzt nicht als gigantische Metapher, und so ist mit Himmel und Hölle vielleicht schon zu viel gesagt. Ein Prinz spricht den Satz aus, und Johannes Kühn sagt: "Mit diesem Prinz kann ein Märchen beginnen."

Auf diese fast überschwengliche Weise beginne ich, Nachricht über ein paar Bücher zu geben, die in der südwestlichen Provinz – in Luxemburg, im Saarland, in der Pfalz – erschienen sind. Johannes Kühn, den ich zuerst nennen will, ein 50jähriger Mann vom Land, tief verstört von der schamlosen Unmoral gesellschaftlicher Pressionen, ist, trotz psychischer Irritation und schier erdrückender Erfahrungen, dennoch "ein Gehender geblieben, während wir eilig Fahrende geworden sind", wie Irmgard und Benno Rech ihn charakterisieren, die Herausgeber seines neuen Gedichtbands "Salzgeschmack".

Johannes Kühn ist wirklich ein Dichter; er besitzt die Kraft und die unverbrauchte Treffsicherheit des metaphorischen Ausdrucks; seine Bilder sind neu und zugleich lapidar archaisch. Das Gedicht "Fernfahrer" endet:

Ja, im Blechhaus sitz ich,

verdammt vom Arbeitsteufel

Die Sperlinge leben noch glücklich

im Kilometerrausch meines Herrn,

der mit Dosenfleisch handelt

durch Europa hin: Fahr sicher! mahnt er mich an,

denkt an die Fracht, sein Fleisch.

Fahr sicher! mahn ich mich an,

denk an mein Fleisch,

in dem die Liebe wärmt. Kühn, der von seiner Dorfwelt, seiner Einsamkeit, seinen Träumen spricht, erzählt uns, daß das Glück wohl nur in den kleinen Dingen des Lebens wohnt. Tagmond, Paradiestiere, Glücksschuhe sagt er, und diese Schuhe möchte er, der Gehende, anziehen, um in ein besseres Leben zu wandern. Der Saarbrücker Maler Hans Dahlem hat skurrile Bilder dazu gezeichnet: den Moosfuß, die Distelkralle, das Zukunftsgefieder.

Die Sperlinge leben noch glücklich

Ein Gehender kann Günter Navky nicht sein, und doch heißt sein Erzählband "Der Landläufer" und ist durch und durch autobiographisch. Navky, Jahrgang 1956, aus einem saarländischen Bergmannsdorf stammend, ist seit seiner Geburt querschnittgelähmt. Schreibend bewegt er sich vorwärts, sein Schreiben ist sein aufrechtes Gehen. Während Kühn sagte: "Glücksschuh zog ich nicht an, als ich auszog", sagt Navky: "Schuhe müßte ich mir kaufen." Seine Erzählungen handeln von Reisen, von Begegnungen, von Besuchen. Aber nicht weltbewegende, spannungsgeladene, sensationelle Geschehnisse werden erzählt; erzählt wird das Aufeinanderzugehen, das Zueinanderkommen, das Miteinandersein, das immer mißlingt und doch immer wiederholt wird, weil es den Menschen zum Menschen macht.

Das Immerweitergehen ist auch ein Heimkehren. Deshalb sagt Felicitas Frischmuth zu Recht, alle seine Geschichten seien Liebesgeschichten. Für Günter Navky, der dies alles in einer klaren, überempfindlichen Wahrnehmungsprosa schreibt, ist die Fähigkeit zu gehen zugleich das Unbegrenzte, das Utopische am Menschen: "Der Horizont ist nur eine Täuschung", sagt er in einer Erzählung", und in einer anderen heißt es "Das ist wie mit den Spiegeln, man weiß; daß die Gegenstände eines Zimmers darin fremd werden und doch überrascht es, man weiß, daß der Horizont keine Begrenzung für ein Land ist und doch glaubt man es immer wieder."

lenz luft in landau

so schön befreit

sein ist alles

wird möglich

lautet, im poetischen Satzbruch, der schlagartig eine Reihe von Perspektiven öffnet, ein Vers des Pfälzers Theo Schneider, der eine Sammlung mit Liebesgedichten herausgegeben hat: "Die Tiere der Haut". Schneiders Gedicht "nach landau" ist für mich ein Signaigedicht des Bandes; wenn Felicitas Frischmuth sagt:‚,... mein Herz ist schneller als ich/ es versteht deine Sprache", oder wenn Hilde Domin fragt: "Ich liege/ in deinen Armen, Liebster,/ wie der Mandelkern in der Mandel./ Sag mir: wo steht/ unser Mandelbaum?" dann höre ich ein menschenfreundliches Versprechen, das längst nicht alle Gedichte halten, auch nicht halten wollen. "Vielerlei Liebe, mancherlei Liebende und Lieblose, allerlei Liebesgedichte", beginnt Erich Fried sein Vorwort; also: Wer ist glücklich? die Taube? der Papagei? die Sperlinge?

Die Sperlinge leben noch glücklich

Keine Sperlinge sein wollen die Luxemburger, im Gegenteil. Sie sind die renitentesten Unruhestifter aus der deutschsprechenden Provinz, sie bevorzugen den Raben als Totemtier. Rolf Ketter schreibt: "Zuerst füttere ich das kohlschwarze Flügeltier, den in Träumen hausenden Drohvogel, ... der weiß, wo die Gefahren lauern und sie ankündigt.

Auf einem Symposium am Wannsee, eingeladen von der Berliner "Neuen Gesellschaft für Literatur", haben Luxemburger Autoren sich vehement bemerkbar gemacht; ihre Tagebücher, Notizbücher, Beschwerdebücher hat Georges Hausemer unter dem Titel "Nach Berlin" herausgegeben. Das Bändchen enthält eine Reihe couragierter Versuche junger luxemburgischer Schriftsteller, gegen die Legende von der Rückständigkeit der Provinz, gegen den Zynismus der Wirtschaftsmachthaber, gegen das medienpolitische Ärgernis von RTL Plus anzuschreiben.

Nico Helminger schreibt: "zurückgekehrt in eine viel zu kalte wohnung schreibe ich mich warm, wieso sollte dies ein leichtes handwerk sein? ich schreibe als fremder in frankreich, als fremder in deutschland, als fremder in luxemburg./ das land ist ja so klein! sagte sie, es sollte eine entschuldigung sein, aber es klang rücksichtslos, so klein, daß man drauftreten kann, daß man es ruhig vergessen kann, ein land ohne geschichte."

Aus dem kleinen Saarland kommt ein Textband von Bernd Philippi mit dem bezeichnenden Titel "Ermunterungen". "Wir erforschen die Tiefe der Augen", heißt es darin, "wir erkunden den Trost". In "Giftgrün", einer Gedichtanthologie aus der "Saarländischen Reihe", herausgegeben vom Verband deutscher Schriftsteller Saar, finde ich Günter Navky wieder; sein Gedicht ist voller Hoffnung, Navky blickt in ein Land, in dem der Mensch aufrecht gehen wird, vielleicht ist es sein eigenes Land, die Heimat, von der Ernst Bloch spricht. Navky sagt: "In einem anderen/ Land/soll die Erde/ flach sein/ der Horizont zwar/ unerreichbar/ wie hier/ aber das Meer/ ganz nah/sollen die Bäume/ vom Wind/ gebeugt sein/ und nur/ die Bäume."

Ist dies nicht ein Lichtblick aus der zahmen saarländischen in die "pädagogische Provinz" Goethes, in der die Menschen erzogen werden zur Ehrfurcht vor dem, was über uns, was um uns und was unter uns ist: kein revolutionäres Credo, aber ein Bekenntnis des duldsamen Nachbarn, der die Beschaffenheit der menschlichen Natur kennt. Der Provinz nicht fremd ist auch das spielerische Aufbegehren des närrischen Rebellen, der nicht nur für die sogenannte "Große Sache", sondern auch in den Spiegel ficht. Oskar Lafontaine, Saarbrückens Oberbürgermeister, ein Rebell in seiner eigenen Partei, ist kein gebürtiger Saarbrücker, zum Glück für die Saarbrücker. Als Saarlouiser kann er die Saarbrücker, die ja geborene Kasuisten und Spiegelfechter sind, die Transformation in den nutzbringenden Witz des Pfiffikus lehren.

Die Saarbrücker singen: "Mir reiße Bääm aus, wo gar kenn sinn"; sie reißen Bäume aus, wo gar keine sind; das weiß Oskar Lafontaine, und so lenkt er die Geschicke seiner Stadt so klug, daß das Ausreißen imaginärer Bäume in Wirklichkeit ein fröhliches Aufpflanzen ist: "... es ist doch auch in der Physik so: Wo alles fällt, fällt nichts", sagt Montaigne, die doppelte Verneinung wird zur Bejahung, und das ist Saarbrückerisch.

"Jeder denkt, die sind perdü!/ Aber nein, noch leben sie", sagt Wilhelm Busch in "Max und Moritz", was auf Saarbrückerisch heißt: "Mer solid menne, die sinn jä!/ Awwer nää, die dswei sinn dsäh." So steht es in "Max und Moritz in Saarbrücker Platt", nachgedichtet von Edith Braun. Die Übersetzerin ist eine Mundartsprecherin und Mitarbeiterin des von Max Mangold, dem Leiter des Instituts für Phonetik an der Universität des Saarlandes, in Angriff genommenen und vor Abschluß stehenden "Saarbrücker Wörterbuchs".

Die Sperlinge leben noch glücklich

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Edith Braun hat mit ihren Nachdichtungen etwas zustande gebracht, was für die Mundartliteratur unabdingbares Merkmal sein sollte, leider aber selten zu finden ist: Sie transponiert jede Metapher, jedes Bild, jede Redeform in die entsprechenden Wendungen ihrer Mundart; sie ahmt nicht Hochsprache in Mundart nach, sie respektiert die morphologischen, die syntaktischen Eigenheiten des Saabrückerischen, sie spricht wahrhaftig. In ihrer zum 175. Geburtstag Dr. Hoffmanns mitten im Struwwelpeterjahr herausgegebenen Übersetzung des "Saarbrigger Schdruwwelpeeder" heißt es am Ende der "Geschichte vom fliegenden Robert": "Ob er dann noch weiderflied,/ Wääs kä Mensch, weils kääner siehd." Was nicht zu sehen ist, das gibt es nicht, der Saarländer ist nicht Empiriker, er steht im Mittelpunkt der sinnlichen Erfahrung. Der Saarländer sagt "weil", er kennt und er anerkennt die Hierarchien im kausalen Denken, er sagt nicht, nebenordnend, "denn", er sagt "weil" und er sagt, konditional, "sonst": "Sunschd kummd und däär Rieseschäär/Gleisch de Schneider Schnibbschnabb häär."

Um in die Zukunft heimzukehren, schaut der Saarländer, wie der Hans-guck-in-die-Luft, den Wolken und den Schwalben nach und den Sperlingen zu; er sieht nicht nur nicht mehr, was vor den eigenen Füßen geschieht, er sieht nicht einmal mehr die eigenen Füße: "Guggd nuur immer in die Heeh,/ Siehd die eischne Res nidd meh." So weit ist er mit seinem Empirismus gekommen: Ihm sind Flügel gewachsen; er lebt, wie die Sperlinge, glücklich.

Johannes Kühn: "Salzgeschmack", Gedichte; Verlag Die Mitte, Saarbrücken, 1984; 146 S., 15,– DM

Günter Navky: "Der Landläufer", Erzählungen; Pfälzische Verlagsanstalt, Landau, 1984; 72 S., 15,– DM

"Die Tiefe der Haut", Liebesgedichte, herausgegeben von Theo Schneider; Verlag Junge Literatur, Rhodt unter Riedburg, 1984; 174 S., 14,80 DM

"Nach Berlin", ein Text- und Bilddokument; Bestellung durch Überweisung von 10,– DM auf CCP 46976-28 von Georges Hausemer, B. P. 368 L-4004 Esch-Alzette

Die Sperlinge leben noch glücklich

Bernd Philippi: "Ermunterungen", Texte, mit acht Originallithographien von Aloys Ohlmann; Verlag Kessler, Neunkirchen, 1984; 58 S., 20,– DM

"Giftgrün", Gedichte, herausgegeben vom Verband deutscher Schriftsteller, Saar; Röhrig Verlag, St. Ingbert, 1984; 96 S., 9,80 DM

"Max und Moritz in Saarbrücker Platt", nachgedichtet von Edith Braun; Buchverlag Saarbrücker Zeitung, 1984; 58 S., 9,80 DM

"De Saarbrigger Schdruwwelpeeder", nachgedichtet von Edith Braun; Verlag Michael Buchhandlung, Saarbrücken und Verlag der Buchhandlung Wagner Nachf., Saarlouis, 1984; 32 S., 9,80 DM