Ein Gehender kann Günter Navky nicht sein, und doch heißt sein Erzählband "Der Landläufer" und ist durch und durch autobiographisch. Navky, Jahrgang 1956, aus einem saarländischen Bergmannsdorf stammend, ist seit seiner Geburt querschnittgelähmt. Schreibend bewegt er sich vorwärts, sein Schreiben ist sein aufrechtes Gehen. Während Kühn sagte: "Glücksschuh zog ich nicht an, als ich auszog", sagt Navky: "Schuhe müßte ich mir kaufen." Seine Erzählungen handeln von Reisen, von Begegnungen, von Besuchen. Aber nicht weltbewegende, spannungsgeladene, sensationelle Geschehnisse werden erzählt; erzählt wird das Aufeinanderzugehen, das Zueinanderkommen, das Miteinandersein, das immer mißlingt und doch immer wiederholt wird, weil es den Menschen zum Menschen macht.

Das Immerweitergehen ist auch ein Heimkehren. Deshalb sagt Felicitas Frischmuth zu Recht, alle seine Geschichten seien Liebesgeschichten. Für Günter Navky, der dies alles in einer klaren, überempfindlichen Wahrnehmungsprosa schreibt, ist die Fähigkeit zu gehen zugleich das Unbegrenzte, das Utopische am Menschen: "Der Horizont ist nur eine Täuschung", sagt er in einer Erzählung", und in einer anderen heißt es "Das ist wie mit den Spiegeln, man weiß; daß die Gegenstände eines Zimmers darin fremd werden und doch überrascht es, man weiß, daß der Horizont keine Begrenzung für ein Land ist und doch glaubt man es immer wieder."

lenz luft in landau

so schön befreit

sein ist alles

wird möglich

lautet, im poetischen Satzbruch, der schlagartig eine Reihe von Perspektiven öffnet, ein Vers des Pfälzers Theo Schneider, der eine Sammlung mit Liebesgedichten herausgegeben hat: "Die Tiere der Haut". Schneiders Gedicht "nach landau" ist für mich ein Signaigedicht des Bandes; wenn Felicitas Frischmuth sagt:‚,... mein Herz ist schneller als ich/ es versteht deine Sprache", oder wenn Hilde Domin fragt: "Ich liege/ in deinen Armen, Liebster,/ wie der Mandelkern in der Mandel./ Sag mir: wo steht/ unser Mandelbaum?" dann höre ich ein menschenfreundliches Versprechen, das längst nicht alle Gedichte halten, auch nicht halten wollen. "Vielerlei Liebe, mancherlei Liebende und Lieblose, allerlei Liebesgedichte", beginnt Erich Fried sein Vorwort; also: Wer ist glücklich? die Taube? der Papagei? die Sperlinge?