Keine Sperlinge sein wollen die Luxemburger, im Gegenteil. Sie sind die renitentesten Unruhestifter aus der deutschsprechenden Provinz, sie bevorzugen den Raben als Totemtier. Rolf Ketter schreibt: "Zuerst füttere ich das kohlschwarze Flügeltier, den in Träumen hausenden Drohvogel, ... der weiß, wo die Gefahren lauern und sie ankündigt.

Auf einem Symposium am Wannsee, eingeladen von der Berliner "Neuen Gesellschaft für Literatur", haben Luxemburger Autoren sich vehement bemerkbar gemacht; ihre Tagebücher, Notizbücher, Beschwerdebücher hat Georges Hausemer unter dem Titel "Nach Berlin" herausgegeben. Das Bändchen enthält eine Reihe couragierter Versuche junger luxemburgischer Schriftsteller, gegen die Legende von der Rückständigkeit der Provinz, gegen den Zynismus der Wirtschaftsmachthaber, gegen das medienpolitische Ärgernis von RTL Plus anzuschreiben.

Nico Helminger schreibt: "zurückgekehrt in eine viel zu kalte wohnung schreibe ich mich warm, wieso sollte dies ein leichtes handwerk sein? ich schreibe als fremder in frankreich, als fremder in deutschland, als fremder in luxemburg./ das land ist ja so klein! sagte sie, es sollte eine entschuldigung sein, aber es klang rücksichtslos, so klein, daß man drauftreten kann, daß man es ruhig vergessen kann, ein land ohne geschichte."

Aus dem kleinen Saarland kommt ein Textband von Bernd Philippi mit dem bezeichnenden Titel "Ermunterungen". "Wir erforschen die Tiefe der Augen", heißt es darin, "wir erkunden den Trost". In "Giftgrün", einer Gedichtanthologie aus der "Saarländischen Reihe", herausgegeben vom Verband deutscher Schriftsteller Saar, finde ich Günter Navky wieder; sein Gedicht ist voller Hoffnung, Navky blickt in ein Land, in dem der Mensch aufrecht gehen wird, vielleicht ist es sein eigenes Land, die Heimat, von der Ernst Bloch spricht. Navky sagt: "In einem anderen/ Land/soll die Erde/ flach sein/ der Horizont zwar/ unerreichbar/ wie hier/ aber das Meer/ ganz nah/sollen die Bäume/ vom Wind/ gebeugt sein/ und nur/ die Bäume."

Ist dies nicht ein Lichtblick aus der zahmen saarländischen in die "pädagogische Provinz" Goethes, in der die Menschen erzogen werden zur Ehrfurcht vor dem, was über uns, was um uns und was unter uns ist: kein revolutionäres Credo, aber ein Bekenntnis des duldsamen Nachbarn, der die Beschaffenheit der menschlichen Natur kennt. Der Provinz nicht fremd ist auch das spielerische Aufbegehren des närrischen Rebellen, der nicht nur für die sogenannte "Große Sache", sondern auch in den Spiegel ficht. Oskar Lafontaine, Saarbrückens Oberbürgermeister, ein Rebell in seiner eigenen Partei, ist kein gebürtiger Saarbrücker, zum Glück für die Saarbrücker. Als Saarlouiser kann er die Saarbrücker, die ja geborene Kasuisten und Spiegelfechter sind, die Transformation in den nutzbringenden Witz des Pfiffikus lehren.

Die Saarbrücker singen: "Mir reiße Bääm aus, wo gar kenn sinn"; sie reißen Bäume aus, wo gar keine sind; das weiß Oskar Lafontaine, und so lenkt er die Geschicke seiner Stadt so klug, daß das Ausreißen imaginärer Bäume in Wirklichkeit ein fröhliches Aufpflanzen ist: "... es ist doch auch in der Physik so: Wo alles fällt, fällt nichts", sagt Montaigne, die doppelte Verneinung wird zur Bejahung, und das ist Saarbrückerisch.

"Jeder denkt, die sind perdü!/ Aber nein, noch leben sie", sagt Wilhelm Busch in "Max und Moritz", was auf Saarbrückerisch heißt: "Mer solid menne, die sinn jä!/ Awwer nää, die dswei sinn dsäh." So steht es in "Max und Moritz in Saarbrücker Platt", nachgedichtet von Edith Braun. Die Übersetzerin ist eine Mundartsprecherin und Mitarbeiterin des von Max Mangold, dem Leiter des Instituts für Phonetik an der Universität des Saarlandes, in Angriff genommenen und vor Abschluß stehenden "Saarbrücker Wörterbuchs".