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Edith Braun hat mit ihren Nachdichtungen etwas zustande gebracht, was für die Mundartliteratur unabdingbares Merkmal sein sollte, leider aber selten zu finden ist: Sie transponiert jede Metapher, jedes Bild, jede Redeform in die entsprechenden Wendungen ihrer Mundart; sie ahmt nicht Hochsprache in Mundart nach, sie respektiert die morphologischen, die syntaktischen Eigenheiten des Saabrückerischen, sie spricht wahrhaftig. In ihrer zum 175. Geburtstag Dr. Hoffmanns mitten im Struwwelpeterjahr herausgegebenen Übersetzung des "Saarbrigger Schdruwwelpeeder" heißt es am Ende der "Geschichte vom fliegenden Robert": "Ob er dann noch weiderflied,/ Wääs kä Mensch, weils kääner siehd." Was nicht zu sehen ist, das gibt es nicht, der Saarländer ist nicht Empiriker, er steht im Mittelpunkt der sinnlichen Erfahrung. Der Saarländer sagt "weil", er kennt und er anerkennt die Hierarchien im kausalen Denken, er sagt nicht, nebenordnend, "denn", er sagt "weil" und er sagt, konditional, "sonst": "Sunschd kummd und däär Rieseschäär/Gleisch de Schneider Schnibbschnabb häär."

Um in die Zukunft heimzukehren, schaut der Saarländer, wie der Hans-guck-in-die-Luft, den Wolken und den Schwalben nach und den Sperlingen zu; er sieht nicht nur nicht mehr, was vor den eigenen Füßen geschieht, er sieht nicht einmal mehr die eigenen Füße: "Guggd nuur immer in die Heeh,/ Siehd die eischne Res nidd meh." So weit ist er mit seinem Empirismus gekommen: Ihm sind Flügel gewachsen; er lebt, wie die Sperlinge, glücklich.

Johannes Kühn: "Salzgeschmack", Gedichte; Verlag Die Mitte, Saarbrücken, 1984; 146 S., 15,– DM

Günter Navky: "Der Landläufer", Erzählungen; Pfälzische Verlagsanstalt, Landau, 1984; 72 S., 15,– DM

"Die Tiefe der Haut", Liebesgedichte, herausgegeben von Theo Schneider; Verlag Junge Literatur, Rhodt unter Riedburg, 1984; 174 S., 14,80 DM

"Nach Berlin", ein Text- und Bilddokument; Bestellung durch Überweisung von 10,– DM auf CCP 46976-28 von Georges Hausemer, B. P. 368 L-4004 Esch-Alzette