Von Rainer Schauer

So muß es gewesen sein: Der Deutsche mit den guten Augen, über denen die Brauen dicht wuchern, bestellte das letzte Glas Guinness bei Mike, beglich die offenstehenden Rechnungen im Kramladen an der Hauptstraße, sah am Morgen noch einmal auf die sichelförmige Bucht und den weiten Dünenstrand und bestieg dann das Auto in Richtung Westport. Vielleicht stieg damals, als der Mann aus Deutschland ging, noch eine dünne Rauchfahne aus dein Kamin, in dem die brikettförmigen Torfstücke verglühten.

Die Nächte sind kalt im irischen Westen, wo immer "land’s end" ist und die naßkalten Winde vom Ozean her die Haut zum Frösteln bringen. Vielleicht stürmte es damals oder die Sonne schien auf die braunen Moorhänge des Slievemore-Berges – niemand in Dugort, einem kleinen Straßendorf und Badeort im Norden der Insel Achill Island, weiß, warum Heinrich Böll das Haus mit den zwei Kaminen und den hellblau gestrichenen Fenster- und Türrahmen verkaufte, warum der Dichter sein "Irisches Tagebuch" zuschlug und dem "lieben Irland" der Fremdenverkehrswerbung den Rücken kehrte.

"Ja" sagt die Frau und deutet die Richtung mit ausgestrecktem Arm an, "dort unten an der Hauptstraße gegenüber dem Hotel hat Mr. Boll gewohnt. Nein, er kommt nicht mehr her. Aber wir nennen das Haus immer noch Mr. Bolls Haus."

Nichts bleibt wie es ist. Böll scheint seinen befristeten Aufenthalt auf Achill Island geahnt zu haben, als er 1961 schrieb: "Am Abend noch bekamen wir, was soviel wert war wie bares Geld, das Anschreibebuch des Shopbesitzers. Es war dick, fast 80 Seiten stark, sehr solide in rotes Leder gebunden, es schien auf Dauer angelegt." Es "schien" nicht: es war angelegt. Es ist zu vermuten, daß Heinrich Böll ging, als die ersten Wohnwagen hinter den Dünen an der Bucht fest installiert wurden, als der Geruch der Frittenbuden über den Strand zog und den Duft des Grünkohls verdrängte.

Aber Achill Island ist immer noch still und schön und einsam, wenn die Frühjahrs- oder Herbststürme den Atlantik peitschen und tiefhängende Wolken über das Moorland jagen. Oder wenn an ruhigen Sonnentagen sich ein hoher Himmel in den Tümpeln und Seen spiegelt und die geschlossenen Fensterläden andeuten, daß es noch viel Zeit bis zur Saison ist.

Mike Lavelles, Besitzer des kleinen Gasthauses und der Bar "Lavelles Seaside House", kennt sie alle, die an seiner Bar sitzen, die paar Farmer, die noch übriggeblieben sind, ihre Töchter und Söhne, die in London arbeiten und "sogar in Afrika", die Fremden, die sich eingekauft haben auf Achill Island, und auch die, die geblieben sind. Joe Rapp und seine Frau Renate, die in Achill Sound wohnen, zum Beispiel, und Anne Fuchs, die in einem irischen Cottage wohnt. Joe, oder Josef, ist Fischer. Eines Tages war er in Achill Sound aufgetaucht und ist nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt. Woher er kommt? Das weiß Mike nicht. Heinrich Böll, den kennt er "natürlich". Der sei mit einem in Irland produzierenden Fabrikanten namens Müller oft in die Bar gekommen. "Das ist richtig", bestätigt Paddy, der Fischer, der am Vormittag einen guten Fang gemacht hat.