Von Thomas von Randow

Nun geht es bald zur Neige, das Orwell-Jahr, und fast hätten wir vergessen, daß schon ein anderer Schriftsteller, Heinrich Seidel, vor hundert Jahren einen Bericht "Im Jahre 1984" geschrieben hatte. Es ist freilich nur eine Schmonzette in seiner Sammlung "Kinkerlitzchen" und hat mit Orwells Zukunftsschocker nur das eine gemein: Nichts davon ist Wirklichkeit geworden. Doch amüsant ist es allemal, nachzulesen, was ein gescheiter Mann wie Seidel Anno 1884 von unserer Gegenwart gehalten hat.

"Autos und Schiffe wurden ausschließlich mit elektrischer Energie betrieben. Die Luftschiffahrt war noch nicht erfunden. Für die schnelle Überwindung kürzerer Strecken (etwa den Kanal zwischen Dover und Calais) benutzte man die Bombenpost. Der Passagier legt sich in eine-Art großer ausgepolsteter Granate und wird dann aus einem ungeheuren langen Kanonenrohr vermittels einer langsam wirkenden Sorte von Pulver – damit zu Anfang kein Stoß eintritt und die nötige Geschwindigkeit erst allmählich erreicht wird – über den Kanal geschossen und auf der anderen Seite durch einen höchst sinnreichen Mechanismus sanft aufgefangen. Auf größeren Strecken bewährt die Sache sich nicht, weil wegen der geringen Rasanz der Flugbahn das Geschoß auf der Mitte des Weges in eine zu große Höhe gelangen würde, woselbst wegen der starken Kälte und der Dünnflüssigkeit der Luft die Passagiere zugrunde gehen."

Daß der Autor Ingenieur gewesen war, ehe er sich der Schriftstellerei zuwandte, ist offensichtlich, und wenn wir’s recht bedenken: Mancher Nostradamus-Forscher gäbe viel darum, wenn sein Idol der heutigen Raketenwirklichkeit so nahe gekommen wäre wie Seidel mit seiner Bombenpost.

Den Hinweis auf dieses "1984" verdanke ich einer rundum aufregenden Ausstellung der Staats- und Universitätsbibliothek in Hamburg. "Zukunft von gestern" heißt die Schau, die einen "Überblick über die Geschichte der Jahre 1901 bis 3000" gibt. An die 150 Bücher und Illustrationen hat der Bibliotheksrat Georg Ruppelt dafür aufgestöbert; Berichte über Ereignisse, die, als sie geschrieben oder gezeichnet wurden, noch in der Zukunft lagen. Bis zum 12. Januar sind sie zu betrachten, und nicht nur das. Schmökern soll der Besucher am Grabbeltisch mit zukunftsweisender Literatur, sich am Science-fiction-Gesellschaftsspiel beteiligen oder am großen Buch "Deutschland 2084" als Autor mitarbeiten – es wird veröffentlicht, verspricht der Katalog. Zukunftsfahrzeuge stehen herum, verrückte und durchaus fahrtüchtige, kuriose Leihgaben aus dem Museum für Hamburgische Geschichte.

Georg Ruppelt hat auch das Begleitbuch geschrieben ("Zukunft von gestern"; Verlag für pädagogische Medien, Hamburg 1984; 155 Seiten, 10 Mark), eine Sammlung von Zitaten und Inhaltsangaben aus den Exponaten, geordnet nach den Jahreszahlen, auf die sich die Textstellen beziehen und, wer hätte es von einem Bibliotheksrat anders erwartet, sorgfältig bibliographiert.

Bei der Jahreszahl 1923 ist Theodor Herzl zu finden, der seinen sehnlichsten Wunsch, die Gründung eines Judenstaates, in dem 1902 geschriebenen Roman "Altneuland" Wirklichkeit werden ließ. "Seit Jahren" existiert der Staat – 1923 – schon; der technische Fortschritt feiert dort Triumphe. Da gibt es vor allem die Telephonzeitung. "Mit ihr war es den Abonnenten möglich, Nachrichten nicht mehr zu lesen, sondern per Telephon zu hören. Jedes Haus hatte die Möglichkeit, sich an die unterirdischen Kabel anzuschließen, die in großen Röhren ruhten. Diese Röhren waren so angelegt, daß alle bestehenden und auch alle zukünftigen Versorgungs- und Kommunikationsleitungen darin Platz fanden, so daß es nicht mehr nötig war, wegen jeder neu zu legenden Leitung das Straßenpflaster aufzureißen" – wie glücklich würden solche Röhren unseren Postminister machen.