Von Lisaweta von Zitzewitz

Hamburg, im November

Jeder flieht für sich allein. "Meine Familie mußte zu Hause bleiben, denn all unser Geld reichte gerade für ein Billett", erzählt Andrzej. Er ist einer jener 191 Polen, die am Montag letzter Woche in Hamburg von Bord der "Stefan Batory" gingen, um ihrem Land für immer den Rücken zu kehren. "Die einwöchige Kreuzfahrt von Gdingen nach Rotterdam und zurück kostet einen polnischen Arbeiter immerhin acht Monatslöhne", fährt der junge Techniker fort. "Unterwegs aber tat jeder so, als könne er sich diesen Luxus leisten. Nicht im Traum wäre mir eingefallen, daß zum Beispiel die anderen in meiner Kabine dieselben Pläne ausheckten wie ich. Das war vielleicht eine Überraschung, als wir uns alle auf dem Hamburger Hauptbahnhof wiedertrafen!"

Auch für Hamburg war die Massenflucht eine Überraschung. Zumal sich bald herausstellte, daß nicht nur "Batory"-Passagiere die erste Station ihrer Kreuzfahrt zur Flucht genutzt hatten. Von dem polnischen Schiff "Rogalin", das regelmäßig in Travemünde anlegt, setzten sich jetzt innerhalb von acht Tagen ebenfalls mehr als 200 Fahrgäste ab. Viele reisten nach Hamburg weiter.

Die Hansestadt ist für die Emigranten von der Weichsel seit Jahren ein beliebter Zufluchtsort. Hier leben achttausend der insgesamt sechsundneunzigtausend Polen, die in der Bundesrepublik einschließlich Berlin gemeldet sind. Nicht wenige Neuankömmlinge bitten erst einmal um Asyl Zwar schicken die deutschen Behörden Bürger der Ostblockstaaten prinzipiell nicht in ihre Heimat zurück. Auch erhalten in der Regel nur wenige Polen die Anerkennung als politischer Flüchtling. Mittellose Asylbewerber können jedoch freie Unterbringung und Sozialhilfe beanspruchen.

Fünfzig bis sechzig Polen stellen jeden Monat in Hamburg einen Asylantrag. In der letzten Woche jedoch standen plötzlich einige hundert Polen vor den Türen der Stadt. Prompt lief erst einmal einiges schief. Am Montag und Dienstag stürmten rund hundert Flüchtlinge von der "Batory" und der "Rogalin" ins Ausländeramt am Hachmannplatz. Es dauerte Stunden, bis alle Asylanträge entgegengenommen waren. Die Sozialbehörde konnte zunächst keine freien Unterkünfte auftreiben und verwies die ersten hilfesuchenden Polen daher an die Bahnhofsmission und Hotels. Sozialminister Ehlers lag krank im Bett und wurde erst durch die Presse alarmiert. Bild meldete einen "Skandal um die Polen-Flüchtlinge", die "hungernd, frierend und ohne Geld" durch die Stadt geirrt seien. Das Hamburger Abendblatt konstatierte "Herzlosigkeit in der Behördenspitze".

Die Pannen beim Empfang der Polen-Flüchtlinge werden in der nächsten Bürgerschaftssitzung zur Sprache kommen. Die Asylbewerber selbst sind, nicht zuletzt dank der Publizität ihres Falles, inzwischen alle unter Dach und Fach. Jeder erhielt 70 Mark, die bis zum Monatsende reichen müssen. Plätze für eventuelle weitere Flüchtlinge stehen in Heimen, notfalls auch in Hotels, bereit. Die Sozialbehörde will arbeitslose Lehrer für den Deutsch-Unterricht der Polen einsetzen. Hamburger Bürger spendeten Kleidung, Lebensmittel und Spielzeug.